Das Verhältnis Boswell – Therese Levasseur

Das Verhältnis zwischen Boswell und  Therese Levasseur

James Boswell ist ein sexsüchtiger Melancholiker mit einer enormen Potenz und dem dazugehörigen Instrument, der französische Philosoph Jean Jacques Rousseau ein asketischer Hypochonder mit leicht paranoiden Zügen, dessen Instrument seit langem in jeder Hinsicht  den Dienst versagt hat. Auch als es noch halbwegs funktioniert, geht er damit nicht gerade verschwenderisch um. So schreibt er in seinen Bekenntnissen unverhohlen:

„In jeglicher Sache sind mir Zwang und Gebundenheit unerträglich und machen mir sogar das Vergnügen hassenswert. Man sagt, das bei den Mohammedanern bei Tagesanbruch ein Mann durch die Straßen geht, um den Ehemännern die Ausübung ihrer Pflicht ihren Frauen gegenüber anzubefehlen. Ich würde zu solchen Stunden ein schlechter Türke gewesen sein.“

Halb Europa – zumindest die gebildeten Schichten – wissen, dass der Verfasser des „Emils“ und der „Neuen Heloise“ weitgehend impotent ist. Er selbst hat an diesem, nicht gerade schmeichelhaften  Image eifrig mitgewirkt, indem er öffentlich verkündet, dass er aus rein gesundheitlichen Gründen, seit langem keinen Verkehr mehr mit seiner Lebensgefährtin habe, die er spätestens seit 1754 als seine „Haushälterin, Tante oder Mama“ bezeichnete. Auch zum Verkehr mit Dirnen wäre er – nach einem medizinischen Attest – nicht geeignet.

Boswell hingegen hat die Dienste besagter Damen auf seiner Deutschlandreise mehr als einmal in Anspruch genommen und in seinem größtenteils posthum veröffentlichten „Journal“  auch ausführlich darüber berichtet. Bei dem letzten Besuch eines Bordells in Dresden – der sich aus „gesundheitlichen Gründen“ vermutlich nur auf Handreichungen im Genitalbereich beschränkte, oder mit einem, damals schon bekannten Präservativ einher ging, sind ihm seine beiden kostbaren Seidentücher gestohlen worden. Drei Tage nach diesem  denkwürdigen Ereignis notiert er am 21. Oktober 1764 in sein Tagebuch:

„Ich schwor bis zu meinem Besuch bei Rousseau keine gottlosen Reden mehr zu führen und mich mit keiner Frau mehr einzulassen.“

Die Betonung liegt auf dem Wörtchen „bis“ und schließt daher den Besuch beim Philosophen mit ein. Dass Boswell einen „Hang zum Küchenpersonal“ besitzt und auch weitaus ältere Frauen durchaus reizvoll findet, ist an vielen Stellen seines „Journals“ belegt. Intime Kontakte zu knüpfen fiel dem Schotten nicht schwer. Er ist mit seinen 24 Jahren bereits ein erfahrener Liebhaber, egal ob seine Angebeteten in Seidenstrümpfen oder Wollsocken daherkommen. Er kriegt sie alle ins Bett. Und moralische Skrupel liegen ihm fern. Wenngleich ihm oft nach solchen „Quickies“ die Gewissensbisse plagten und manchmal wohl auch die Gonorrhoe. (An ihren Spätfolgen wird er später sterben)

Es ist durchaus denkbar, daß der Abenteurer bereits bei Beginn seiner Reise den Plan gehegt hat, nicht nur den großen Philosophen zu besuchen, sondern auch dessen Haushälterin zu verführen. Möglicherweise glaubt er mit solchen Eskapaden seinem großen Vorbild näher zu sein. Boswell sucht nach einer Brücke, nach einer Verbindung, und was verbindet zwei Männer im guten wie im schlechten mehr, wenn sie mit der gleichen  Frau geschlafen haben. Boswell ist in punkto Sexualität genau so zwanghaft wie Rousseau. Was beim einen Ekel, löst beim anderen zwanghafte Bordellbesuche aus. Sowohl Rousseau als auch Boswell sind Zwangsneurotiker. Der Jüngere hat dies schon früh gemerkt, der ältere wird es nie merken.

Dass Therese Levasseur zwanzig Jahre älter ist, als der junge Schotte, machte die Verbindung noch reizvoller, denn auch der angebetete Philosoph der Aufklärung hat seine ersten sexuellen Erfahrungen – die einzigen übrigens, die ihn halbwegs befriedigten – mit weitaus älteren Damen gemacht, mit Madame de Warens, genannt „Mama“ und der Madame de Larnage, von der er in seinen Bekenntnissen schwärmt:

„Ich darf sagen, daß ich es Frau von Larnage zu verdanken habe, wenn ich nicht sterbe ohne Sinneslust kennengelernt zu haben!“

(Was Rousseau unter „Sinneslust“ versteht, darüber ist der Leser bereits informiert)

Für Rousseaus langjährige Lebensgefährtin nicht gerade ein Kompliment  und ein weiteres Hinweis, dass es einem erfahrenen Verführer relativ leicht fallen mußte, mit der jahrelang stiefmütterlich behandelten Haushälterin ein Verhältnis zu beginnen. Noch dazu in Anwesenheit des Gehörnten.

Alles auszukosten ist Teil von Boswells Lebensphilosophie. Was dem Draufgänger am Asketen  anzieht ist der Gegensatz nicht die Gemeinsamkeit. Er, Boswell ist trotz seines enormen langen Instrumentes, seiner Potenz – er schafft bis zu fünf Durchgänge – und seiner zahllosen Affären unglücklich und melancholisch, Rousseau ist trotz seiner unheilbaren Harnröhrenverengung und der damit einher gehenden zeitweiligen Impotenz immer noch glücklich.  Könnte die Antwort gar in der Beziehung zwischen Rousseau und Therese liegen? Was hält eine solche Beziehung zusammen? Wie stabil ist sie? Da viele Fragen in Boswells Journal sich um das Thema „Sex“ und „Seitensprünge“ drehen, wird diese merkwürdige „Menagerie“ im Kopf des jungen Mannes einen mächtigen Stellenwert eingenommen haben.

Wenn sich Boswell wirklich an sein Gelöbnis gehalten hat, zwischen Dresden und der Schweizer Jura enthaltsam zu leben, so kommt er sexuell ziemlich ausgehungert in Motiers an. Bereit sich mit Therese in ein amouröses Abenteuer und mit dem populärsten Philosophen seiner Zeit in einen fruchtbaren Gedankenaustausch zu stürzen. Beides miteinander zu verbinden und sich an beiden im wahrsten Sinne des Wortes „gesund zu stoßen“. Im Klartext: Gottlose Reden mit Rousseau und sündiger Umgang mit seiner Haushälterin.

Am 3. Dezember 1764 taucht Therese Levasseur das erste Mal in seinen Tagebucheintragungen auf. Bereits auf dem Weg nach Motiers, in einer Herberge, erfährt der liebeshungrige Boswell, daß sich noch andere „Besucher“ für die Dame seines Herzens interessieren. Der Wirt wird regelmäßig nach Therese ausgefragt: „Ist sie jung? Ist sie hübsch?“

Verärgert notiert der Reisende: „Das ganze Geschwätz über Mademoiselle war mir unangenehm.“

Klar; denn möglicherweise hat eine so gefragte Frau auch einen Liebhaber, der ihm bei seinem Ansinnen in die Quere kommen kann.

Noch am gleichen Tag steht der Globetrotter aus Schottland der geheimnisvollen Haushälterin des großen Meisters gegenüber. Im Dorf hat man ihm erzählt, daß die Exilfranzösin sehr resolut sein kann. Viele Besucher schickt sie weg. Ein dummes Gesicht und ein dummer Spruch und schon schließt sich die Türe für immer. Sie ist also nicht die tumbe Therese, „die nicht einmal die Zeiger der Uhr lesen kann“, wie in den „Bekenntnissen“ immer wieder zu lesen ist, sondern eine selbstbewusste Frau, der Rousseau so etwas wie ein „Auswahlverfahren“  zugebilligt hat. Überrascht notiert Boswell daher: „Sie ist ein kleines, munteres, adrettes französisches Frauenzimmer, vor dem ich keine Angst zuhaben brauchte.“ Umgekehrt fand sie den Schotten auf Anhieb symphatisch und legte gleich ein gutes Wort für ihn ein, wie an einer anderen Stelle des Journals vermerkt ist ( „Dieser her hat ein ehrliches Gesicht, ich bin sicher er gefällt ihnen“)

Im Gegenzug notiert Boswell bereits am 5. Dezember in sein Tagebuch: „Sie ist meine Freundin“.

Wann es zum ersten intimen Kontakt zwischen den beiden gekommen ist, darüber kann spekuliert werden. Auffallend ist der lange Zeitraum in dem sich  Boswell in Motiers aufgehalten hat. Er reicht vom 3. 12. bis zum 15. 12. Zwischen dem 5. Dezember und dem 14. Dezember gibt es erstaunlicher Weise  keine Tagebucheintragung, wohl aber eine pikante Notiz . Sie ist datiert auf den 10. Dezember und lautet. „Vier Taler für eine gewisse Angelegenheit“

Damit sind die Kosten für eine Halskette aus Granat gemeint, die Boswell der guten Therese  aus Genf erst Wochen später zukommen lässt. Warum datiert er die Ausgabe vor? Sie bezeichnet also ein Ereignis, das sonst nirgendwo in dem Tagebuch erscheint. Ein Präsent für einen Liebesdienst? Trinkgeld für das Essen am 15. Dezember kann es wohl kaum gewesen sein. Dafür hat Boswell extra bezahlt. In Form einer Spende, die er einer armen Frau in Motiers am Vorabend des Mahles vermacht hat. Zudem hat Boswell am 10.Dezember noch gar nicht ahnen können, daß ihn der Meister zum Abschluß eines Besuchs zu einem Essen einladen wird.

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