Der Messias der Moderne

Der Messias der Moderne wird als Antichrist gesteinigt

Am 9. Juni 1763 geht für den Propheten, Protopädagogen  und Gesellschaftskritiker ein heimlich gehegter Wunsch in Erfüllung. Sein Werk „Emil“ wird verboten und gegen den Autor Haftbefehl erlassen. Aus dem Naturpropheten, der sich auch ein wenig als Stifter einer neuen  Religion sieht, zumindest als ein Reformator ist über Nacht ein Märtyrer geworden, der noch dazu von alten Leiden gequält wird. Das Verhältnis zu seiner Lebensgefährtin Therese ist seit langem abgekühlt. Die unerfüllte Liebe zur Pariser Adligen Houdetot hat ihm nicht nur seelisch sondern auch körperlich schwer zu schaffen gemacht. Rousseau ist der klassische Psychosomatiker. Er flieht allein ins schweizerische Exil Neuchatel, einer preußischen Enklave, mehr auf Drängen seines Gönners als aus freien Stücken. Therese folgt ihm später nach, mehr aus Pflichtgefühl, als aus Liebe. Vor allem aber weil ihr die mächtigen Luxembourgs, Rousseaus Schutzengel, keine andere Wahl lassen. Motiers, wo sie sich niederlassen, der auch der Schauplatz meiner Graphic Novel ist, wird auch heute noch in den Biografien – einschließlich der Bekenntnissen als kleines beschauliches Bergdorf beschrieben, obwohl es damals wie heute mehr ein Marktflecken oder Ackerbürgerstädtchen ist. Es liegt im breiten weiträumigen Tal des Travers, besitzt zu Rousseaus Zeiten bereits stattliche Bauernhäuser. Ein großes Rathaus, ein Wirtshaus – von dem noch des Öfteren die Rede sein wird – eine  Kirche, breite Straßen und Plätze und nicht zuletzt ein feines ansehnliches Barockschloss.

Dem Adelssitz gegenüber liegt  das geräumige Bauernhaus in dem Rousseau fortan wohnt. Streng genommen ist Rousseau  wieder in seiner „gewohnten Umgebung“ angekommen. Im Schatten adliger Macht, umgeben von ländlichem Idyll, das man allerhöchstens als von Wald umgebene Kulturlandschaft, nicht aber als tristen Verbannungsort in unzugänglicher Wildnis bezeichnen kann. Die Landschaft ähnelt der Gegend um Chambery. Dort wo Rousseau seine glücklichsten Jahre verbracht hat und die als überschwängliche Naturbeschreibung in seine Heloise eingeflossen ist. Rousseau ist wieder in seinem alten Paradies, nah der Heimat. Das Wichtigste: Er hat endlich den katholischen Sündenpfuhl Paris hinter sich gelassen und lebt zwischen rechtgläubigen anständigen Protestanten. Bereits zehn Jahre zuvor war der prüde Moralapostel mit viel Tamtam in die calvinistische Kirche zurückgekehrt. Bald  erkennt er wie falsch und verlogen seine Idylle – aber auch seine Religion  –  ist. Schon braut sich das Unheil über ihm zusammen. Damit Wolken entstehen muss jedoch vorher die Wetterküche kräftig eingeheizt werden. Die Scheite dazu liefert Rousseau. Der Heizer Voltaire braucht sie nur in den Ofen zu stecken.

Ein düsterer Stich des ausgehenden 18. Jahrhunderts gibt daher nicht Motiers, sondern den Seelenzustand seines prominenten Gastes wieder. Er zeigt den Ort als eine von steilen Bergen und Schluchten umgebene wildromantische ärmliche, ziemlich heruntergekommene Ansiedlung. Die Häuser, windschiefe Katen kämpfen mit dem Verfall. Im Hintergrund türmen sich unheilschwanger  dicht bewaldete Bergkämme. Ein dampfender, schäumender Wasserfall – ich habe selbst drunter gestanden –  scheint auf dem Stich ins Bodenlose zu stürzen. In Wirklichkeit ist es nur ein Rinnsal, das jedoch mehr als 30 Meter auf den Felsen zurücklegt. Romantisch aber keinesfalls bedrohlich.  Das ist Rousseaus Welt. Eine dramatische Bühne. Rousseau lebt in der Verbannung! Weit ab jeglicher Zivilisation! Das ist die Botschaft des Bildes. Es sind Rousseaus Augen, mit denen der Künstler den Exilort einfängt. Im Vordergrund sieht man halb in Dunkelheit gehüllt zwei Männer und eine Frau dicht zusammengedrängt tuscheln. Reden sie über Rousseau? Was hecken diese Hinterwäldler hinterhältiges aus?  Zu einer Bühne gehört auch eine Inszenierung. Zur Inszenierung gehören Schauspieler und Statisten – die finden sich später in Gestalt böser Gassenbuben –  und natürlich auch ein Regisseur. Rousseau ist Meister der Inszenierung. Das Stück heißt „Die Steinigung des verbannten Propheten“ Dazu schlüpft der Philosoph in das Kostüm eines Armeniers. Ein Fremdling aus dem Morgenland, eine Art Messias. Da es den aber schon einmal gab – sein Ende ist bekannt – kann der Mann im Kaftan nur der Antichrist sein.  Das kommende Martyrium liegt förmlich in der Luft.  Motiers wird zum zweiten Oberammergau. Zum Passionsort. Rousseau flüchtet vom Pariser Garten Getsemane  Montmorency zum Berg Golgatha ins Juragebirge, und die Hinterwäldler, hasserfüllte Calvinisten, greifen nach alttestamentarischer Art zu Steinen. Und natürlich gibt es auch einen bösen Hohen Rat mit Voltaire an der Spitze, der die Geröllhalde in Bewegung setzt.