Ein Mädchen aus der Pariser „Halbwelt“?

Ein Mädchen aus der Pariser „Halbwelt“?

Therese ist das jüngste Kind einer verarmten kleinen Kaufmanns – und Beamtenfamilie aus Orleans.

Vieles deutet darauf hin, dass sie in dem Gasthof, in dem sie als Zimmermädchen arbeitet, nicht nur die Betten ausgeschüttelt hat, sondern auch andere Dienstleistungen verrichtete. Allein die Verpflichtung mit ihrem kleinen Gehalt die gesamte Familie Levasseur unterhalten zu müssen, beweist, dass sie auf einen gewissen Zugewinn angewiesen ist.  Man darf freilich diese Art von Prostitution nicht mit einem modernen Bordellbetrieb vergleichen, in dem Sexsklavinnen aus Osteuropa und Asien in einem Art Schichtbetrieb eine zweistellige Zahl von Freier täglich bedienen. Auch wird man ihr eine gewisse Mitbestimmung bei Auswahl ihrer zahlenden Liebhaber  zugestanden haben, ebenso wie die Möglichkeit sich vor den damals grassierenden Geschlechtskrankheiten zu schützen.

Aus den Bekenntnissen erfahren wir, dass es in dem Hotel in dem Therese arbeitet auf jeden Fall eine solche Form der Prostitution gab, und Rousseau froh war seine Geliebte von dieser „Notdurft“ zu bewahren.  Vielleicht durch die geschickt eingefädelte Maßnahme, dass er einen Teil seines Verdienstes, der im halb kriminellen Milieu verkehrenden Familie Levasseur zukommen lässt. Somit bleibt der Philosoph sozusagen ihr einziger „Stammkunde“. Viele Seiten in seinen Bekenntnissen zeigen sein krampfhaftes Bemühen die „Kleine“ von diesem Makel reinzuwaschen. Bemühungen, die kaum greifbare Ergebnisse zeigen. Selbst, als er nach einer langen Flucht über 60jährig wieder zurückgezogen in Paris lebt, singen die Besucher der Straßencafes  schamlose Spottferse wie etwa:

„Die hübsche Krämersfrau hält still,

so oft Jean Jacques es kann und will“

Anzumerken ist, daß Therese, als diese Zeilen entstanden sind, bereits die 50 Jahre überschritten hat. Zu dieser Zeit, unter den mehr als schwierigen Lebensumständen, noch als hübsch zu gelten, beweist die Vitalität und Lebensfreude der Frau aus Orleans. Genetisch gesehen hat sie eine Glückskarte. Ihre Mutter wird fast Hundert, ihr Vater immerhin 83. Für Menschen aus der Pariser Unterschicht ein geradezu biblisches Alter.

Der Ruf einer Dirne haftete Therese das ganze Leben lang an und wird besonders von den Kreisen verbreitet, die für gewöhnlich die Dienste solcher Damen in Anspruch nahmen, nämlich von Grimm und Diderot, später auch von Voltaire.

Treibende Kraft dieser, damals weit verbreiteten Gelegenheits-Prostition, ist die  geldgierige Mutter Levasseur, die in der Pariser Halbwelt verkehrt, und natürlich die Wirtin selbst, die nach Angaben von Rousseau ein „lockeres Leben geführt hatte“.

Diese Wirtin will Therese dann auch mit allen Mitteln davon abhalten, sich mit Rousseau einzulassen. Eine Art „Irma la Douce“ zur Zeiten des Rokoko. Ein weiterer Beweis, daß die Halbweltdame für die “Kleine“ noch eine andere Verwendung hat.

Thereses Mutter dagegen sieht in der Verbindung mit dem hoffnungsvollen Emporkömmling die Chance ihre Tochter in höhere Kreise einzuführen. Vielleicht träumt die Alte davon, ihre Tochter zu einer Mätresse zu machen. Ein Plan, der dem Vernehmen nach fast aufgegangen wäre. Diese skrupellose Frau – die den eigenen Mann in ein Altersheim steckt – und am Verschwinden von Rousseaus Kindern maßgeblich beteiligt ist –  bleibt wie ein unheilvoller Schatten – mit Ausnahme weniger Jahre – an dem Paar hängen.

Sie ist eine geschickte Intrigantin und wahrscheinlich auch Kupplerin, die ihre jüngste Tochter frühzeitig durch Schläge gefügig gemacht hat. Zusammen mit Grimm und Diderot heckte sie den perfiden Plan aus, ihre Tochter von Rousseau zu entfremden und wieder nach Paris zu bringen. Es macht stutzig, dass führende Männer der Aufklärung solche gewaltige Anstrengungen unternahmen, um ein so schlichtes und angeblich so unscheinbares Mädchen  wieder in den Sumpf der Großstadt zu ziehen. Als dieser Versuch misslingt, beginnt Grimm einen regelrechten Privatkrieg gegen den kranken Philosophen.

Ungeachtet ihrer Anhänglichkeit wird Rousseau nicht müde die Einfalt seiner Lebensgefährtin zu betonen. Sie kann nicht lesen. Nicht einmal die Uhr. Läßt sich ausbeuten und bevormunden.

In Boswells Journal hingegen tritt die “Kleine“ recht selbstbewusst auf. Sie schickt die Leute weg, die ihr nicht passen und sagt den Herren, „wann es drei Uhr ist“. Durch Boswell erfahren wir, dass Rouseau ihr Teile von der „Neuen Heloise“ vorgelesen hat, ja sogar ihren Rat einholte. Dem Vernehmen nach hat sich die Unterhaltung zwischen Therese und dem jungen Schotten nicht nur auf den Austausch von Intimitäten und Körpersäften beschränkt. „Sie haben mir versprochen, von Zeit zu Zeit darüber zu berichten, wie es hier geht.“ sagt Boswell zum Abschied.

Sie kann also schreiben und natürlich auch lesen, die gute Seele. Und sie blieben – ohne daß Rousseau es vermutlich bemerkt, schriftlich mit einander in Kontakt. Wie anders ist es zu erklären, dass sich beide pünktlich in Paris wieder treffen konnten. Wie wir schon aus Montmorency wissen, ist Therese eine Meisterin im Verschwinden lassen von anrüchiger Korrespondenz. In diesem Punkt hat  sie dank ihrer Mutter eine gute Schule durchlaufen. Die „Liebesbriefe“ von Madame de Houdetot versteckte sie so gut, dass die aufgebrachte Epinay, sie trotz einer Hausdurchsuchung nicht finden kann und ihr vor lauter Wut ins Dekollete greift. Sie selbst besitzt  keines! Immer wieder ist in den Bekenntnissen auch von „Heimlichkeiten“ mit Mutter Levasseur die Rede, sowie von „Geschenken“, die Rousseau empört zurückwies. Wahrscheinlich um damit einer weiteren möglichen Prostitution seiner Frau einen Riegel vorzuschieben.

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