Ein naiver, verlogener Moralapostel

Ein naiver, verlogener Moralapostel

Dass Rousseau zunächst keinen Verdacht schöpft, ist seiner unglaublichen Naivität in geschlechtlichen Dingen zu zuschreiben. Der Schöpfer des Emils entwirft stets ein idealistisches Bild von der Welt. Dieses Schwelgen in Wunschvorstellungen ist Teil seiner Philosophie und charakterisiert umgekehrt sein Unvermögen im alltäglichen Umgang mit Menschen. Beispiele gibt es genug:

Auf einer Reise durch Italien, die er in seiner Jugend unternommen hatte, teilte er  über zehn Tage die Herbergen mit einem Paar, dessen nächtliche Lustschreie er nicht  einordnen kann und beruhigt weiter schläft.

Während einer späteren Reise nächtigte er mit einem hübschen Dienstmädchen im selben Bett ohne dass er von ihren Gefühlen und Begehren die leiseste Ahnung hat.

Dass seine liebe „Mama“ einen Liebhaber hat, erfährt er erst, nachdem dieser, nach einem Beziehungskrach, versucht,  sich mit einer Überdosis Laudanum das Leben zu nehmen.

Das Verhältnis von Grimm, seinem Erzfeind und der Marquise de Epinay, seiner Gönnerin, offenbarte ihm der Hausmeister. Da war die Syphilis verseuchte Dame bereits schwanger und auf dem Wege zu einer Abtreibung in der Schweiz.

Rousseau fällt aus allen Wolken, als, während einer Reise nach Genf, sein bester Freund Gauffecourt, ein berüchtigter Lebemann und Hurenbock, sich über mehrere Tage an Therese heranmachte. Erst als die gute Seele die pornographische Zeitung des alten Lüstlings aus der Kutsche wirft, dämmerte dem Philosophen, daß es wohl doch nicht zu klug ist seine Frau mit einem anderen Mann allein zu lassen.

(Um so erstaunlicher ist es , daß er Therese später allein mit Boswell nach London reisen läßt)

Umgekehrt hat dieses Nichtwissen ihn auch zu hysterischen Handlungen verleitet und seine Paranoia begünstigt. Ein Grund für die Abgabe seiner Kinder ins Findelhaus, ist wie bereits erwähnt, unter anderem auf das Misstrauen gegenüber Therese zurückzuführen. Ist sie am Ende doch nicht so „züchtig“ wie er in seinen Bekenntnissen an vielen Stellen betonte. Ist  er wirklich der Vater jener angeblich fünf Kinder? Die verquasten Argumente, die vor bigotter Scheinheiligkeit strotzenden selbstgerechten Phrasen machen noch heute wütend, und werden auch die Zeitgenossen genau so wütend gemacht haben wenn er schreibt:

„Zu aufrichtig gegen mich selbst und innerlich viel zu stolz, um meine Grundsätze durch meine Handlungen verleugnen zu wollen, fing ich an das Schicksal meiner Kinder und das Verhältnis zu ihrer Mutter nach den Gesetzen der Natur, der Gerechtigkeit und der Vernunft und nach den Gesetzen jener reinen, heiligen und gleich ihrem Schöpfer ewigen Religion zu bedenken…

das verlogene Gewäsch, das wie gewohnt „Gott“, „Menschlichkeit“, und die „süßeste aller Pflichten“ bis zur peinlichen Unerträglichkeit streift, gipfelt in dem pathetisch aufgeblasenen Theaterdonner:

„Auch keinen einzigen Augenblick lang ist Jean-Jacques jemals in seinem leben ein gefühlloser, ein herzloser Mensch und ein unnätürlicher Vater gewesen“

Bei solchen Sätzen könnte man zum Steinewerfer werden. Um so mehr, da es sich bei der schizoiden Schwafelei  bereits um das dritte Kind handelt, dass auf diese Weise diskret entsorgt wird und die beiden letzten Schwangerschaften und Geburten dem König der Gefühlsduselei und Gerechtigkeitsapostel gerade mal eine Zeile wert ist. (Wenn sie überhaupt existierten)

Rousseau ist in Gefühlsdingen ein hilfloser Autist. Der Ausweg aus diesem Teufelskreis besteht in der Kopfgeburt einer pseudomoralischen Welt, die ihn wie ein Korsett vor der rauhen Wirklichkeit schützt, und so ist die Antwort auf Boswells provokante Frage nach dem Freibrief für einen „Menage a trois“  „Das sind alles Leichen! Wollen sie eine Leiche sein?“

Rousseau denkt in diesen Augenblick an die „Leichen“ seines eigenen Bekanntenkreises. Sein Nebenbuhler Claude Anet, mit dem er „Mama“ teilen mußte, ist bereits seit langem verstorben, tödlich erkrankt auf einer Wanderung in die Gletscherregion der Alpen. Ebenso Mama selbst, deren letzter Liebhaber sie finanziell, und wahrscheinlich auch gesundheitlich ruiniert hat. Sie stirbt als Bettlerin. Der Lüstling Gauffecourt liegt, von Gicht geplagt, im Sterben. Madame de Epinay kämpfte bereits mit den Spätfolgen ihrer Syphilis. Alles Leichen! Dank gutem Essen und guter Pflege wurden einige von ihnen erstaunlich alt, wie etwa sein Erzfeind Grimm, der 84jährig erst 1807 in Gotha ins Gras beißt. Gauffecourt wird trotz seiner Ausschweifungen immerhin fünfundsiebzig. Fast zehn Jahre älter als der griesgrämige Asket. Das unerreichbare Ziel seiner Sehnsucht, Comtesse Houdetot wird 83, ihr Geliebter Sant-Lambert trotz seines Knochenjobs bei der Armee fast Neunzig. Selbst der geile Flachskopf  Vintzenried schafft es bis zum normalen Durchschnittsalter von 56 Jahren.

Gegen solche Unbilden, sprich Geschlechtskrankheiten,  kann man sich schützen, denkt sicherlich der erfahrene Liebhaber Boswell und läßt das Argument „Leichen“ nicht gelten. Obwohl gerade er sich vor Leichtsinn hüten sollte.

„Sagen sie mir bitte, worin liegt der Vorteil der Tugendhaftigkeit? Ist es nicht besser sich allen Sinnen hinzugeben? Es folgt wieder eine von Rousseaus Abhandlungen über die Tugend und Askese, die weder überzeugend klingen noch Boswells epikurischen Diskurs entkräften. Rousseau bedient wieder seinen calvinistischen Himmel in dem er sagt:

„ … wenn die Seele aus ihrem Gefängnis erlöst wird, wird der Tugendhafte glücklich sein… während diejenigen, die nur ihre niederen Leidenschaften kennen, die ihren Ursprung im Körper haben, keine Befriedigung empfinden beim Anblick von Vergnügungen, an denen sie nicht teilhaben können.“