Eine mütterliche Geliebte

Eine mütterliche Geliebte

Rousseau reagiert bereits im Mai 1765 verärgert über das teure Geschenk, willigte aber dennoch ein, dass der liebestolle Globetrotter seine Haushälterin nach London begleitet, wo er sich nach einer neuerlichen Flucht seit Januar 1766 aufhält. Versehen mit dem Zusatz, daß sie – Therese – „auf der Fahrt einiges aushalten müsse“. Ein halbes Jahr zuvor hatte ihn der Schotte über sein ausschweifendes Leben in Italien eingeweiht. Jeder halbwegs vernünftige Mann hätte seine Lebensgefährtin nicht mit einem solchen Lüstling reisen lassen. Machte er gute Miene zum Bösen Spiel? Gönnte er seiner Haushälterin die Eskapade? Sah er stillschweigend darüber hinweg?

Ein weiter Brief läßt den nach außen hin gutmütigen und sanften Philosophen als kleinlichen peniblen Haustyrannen erscheinen, der seiner Therese vorschreibt, wie sie die Hemden zu bügeln hat.

Die Rache an dem Hypochonder läßt nicht lange auf sich warten.

Auf der Fahrt von Paris nach London gingen die beiden dann auch gleich zur Sache. „Insgesamt dreizehn Mal.“

Bereits ihr Wiedersehen in Paris ist von einer gewissen Vertrautheit gekennzeichnet. „Sie war genau wie in Motier“, schreibt der Schotte. „Mon Dieu Monsieur , wenn wir doch nur zusammen reisen könnten“  sagt sie und bietet sich – als sie vom Tod seiner Mutter hört – gleich als Trösterin an. Tod Traurigkeit und Leidenschaft, wie eng liegen sie beieinander. Der um seine Mutter Trauernde flüchtet in die Arme seiner mütterlichen Geliebten und rächt sich auf diese Weise noch einmal an seinem grausamen Vater, seinen leiblichen, wie seinen geistigen.

Für Therese sind solche, von Mutterkomplexen geplagten Liebhaber nichts Neues. Auch Rousseau hing sehr an seiner „Mama“, an der leiblichen, die er bereits nach der Geburt verlor und später verklärt hat, als auch an seiner mütterlichen Geliebten, Frau von Warens, die er, welche Ironie des Schicksals gleich zwei mal mit einem Nebenbuhlern teilen mußte. Und Therese war für Rousseau nach eigenen Worten nichts weiter als „die Nachfolgerin von Mama“.

Umgekehrt ruft der junge Schotte in der reifen Frau mütterliche Gefühle wach. Gefühle, die sie nie ausleben durfte. Mit unglaublicher Kälte hat ihr Lebensgefährte ihre Kinder in das Findelhaus gegeben, und mit einem weiteren unglaublichen Zynismus später darüber berichtet. Die Tränen, die sie deshalb vergossen hat, finden in den Augen dieses Prototyps eines modernen Intellektuellen kaum Beachtung. Rousseau findet stets nur für sein eigenes Leid rührende Worte, das Leid anderer berührte ihn kaum. So lässt er in seiner Jugendzeit einen, ihm anvertrauten Epileptiker, hilflos auf der Straße liegen, verleumd, wie bereits erwähnt, nur um sein rhetorisches Talent unter Beweis zu stellen, ein unbescholtenes Dienstmädchen, kündigt seinem treuen Weggefährten ohne Anlaß die Freundschaft und forderte noch am Totenbett den  „schönen schwarzen Rock“ seines Nebenbuhlers Anet ein.  Subtile Rache für den Umstand, das der sechs Jahre ältere Gärtnersohn seine „Mama“ wohl besser befriedigt hat. Um auch in diesem Punkt  nicht als kompletter Versager dazustehen, dichtet er seiner Gönnerin unheilbare Frigidität an, wie wahrscheinlich auch seiner Therese, deren „Ruhigen Sinne“ angeblich „sie nicht nach anderen verlangen lassen“ haben. Eines von vielen Beispielen, wie Rousseau, gemäß Schwarzweisraster, in Sachen Lebensgefährtin zwischen „Idealisierung und Entwertung“ schwankt.

Therese hat den Verlust ihrer Kinder nie überwunden und – dies geht aus zahlreichen Anmerkungen hervor –  dem Urheber dieses Dramas nie verziehen. Nachforschungen, die niemand geringeres als die Herzogin von Luxembourg in Auftrag gegeben hat, führten zu keinem Ergebnis und nähren den begründeten Verdacht, daß die Kinder zum Zeitpunkt der Übersiedlung nach Motiers bereits tot sind.  Wie viele es wirklich sind, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander. Nachgewiesen sind nur zwei.  Die restlichen drei könnten Rousseaus Phantasie entsprungen sein. Sicherlich hat der junge Schotte – Jahrgang 1740 – die Erinnerung an diese Kinder wieder in ihr wachgerufen. Ihr ältester wird 1746 geboren. Boswell hätte also bequem ihr Sohn sein können. Erst recht ihr zweiter nachgewiesener Liebhaber, der jungen Reitlehrer Bally, den sie später in Ermenonville, nach nur wenigen Tagen an Land zieht. Ihre Spontanität und Schnelligkeit im Knüpfen von Liebesbeziehungen ist bemerkenswert. Als sie mit Bally ins Bett geht ist sie bereits 56. Bei Boswell immerhin schon 44. Dass sie als jüngere Frau weniger umtriebig, zögerlicher oder gar gehemmter gewesen sein könnte, darf getrost ins Reich Rousseauischer Wahrnehmungsstörungen verwiesen werden. Demnach könnte die Zahl ihrer Liebhaber durchaus die Zahl zehn erreichen, wenn nicht gar überschreiten.

Als Boswell im Januar 1766, von seiner Italienreise kommend, Frau Levasseur in Paris wieder trifft, schreibt er im Zusammenhang mit dem Tod seiner Mutter und dem Wiederfinden seiner Geliebten:

„Ich hatte fromme Empfindungen und das Gefühl männlicher Hoffnung.“ Diese Hoffnungen müssen in jeder Hinsicht berechtigt gewesen sein und ein leidenschaftliches Vorspiel in Motiers gehabt haben.

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