Epilog

Epilog

Rousseau ist der Popstar unter den Philosophen,  wie Dali ein Popstar unter den Malern. Beide sind im chinesischen Zeichen des Drachen geboren, beide verstanden es hervorragend, sich in Szene zu setzten. Rousseau in seinem armenischen Kaftan, der ihn zum leibhaftigen „Antichristen“ machte,  Dali mit seinem an Stierhörnern erinnernden  Schnurrbart. Beide Männer waren impotente Exentriker, und Genies, die ihre Philosophie, bzw. Kunst in eine Massenware verwandelten, und von ihren Frauen  die Hörner aufgesetzt bekamen.

Rousseau ist der Vater der Sekundärliteratur, Dali, der Vater der „Postermalerei“ und der von Kunstmärkten verbreiteten „Massenlithografie“. Was den Franzosen vor allem auszeichnet, ist die Fähigkeit Aufmerksamkeit zu erregen. Egal was Rousseau anpackte, es wurde ein Hit, ein Bestseller. Ob eine seichte Oper, die ihm sogar eine Jahresrente eingebracht hätte, oder ein Buch über Kindererziehung – stets ist der Erfolg auf seiner Seite. Dabei hatte er weder richtig Musik studiert, noch eine pädagogische Ausbildung genossen. Rousseau ist der Prototyp des modernen Selfmademannes. Ein Imagekünstler. Ein wahrer Magier in Sachen eigener PR. Selbst wenn er gerade nichts tat, war er in aller Munde. Selbst, als er nichts mehr veröffentlichte und zurückgezogen mit Therese in Motiers und später in Paris lebte, rannten ihn die „Fans“ die Bude ein, unter anderem Gluck, den er vergeblich auf der Straße warten lies. Nicht einmal die Undankbarkeit gegenüber seinen Gönnern konnte seinen Ruhm schmälern.

Rousseau ist der Erfinder des „Ausstiegs aus der Industriegesellschaft“ und zugleich der Erfinder des „Outing“.  Der Philosoph der Aufklärung wurde vor allem von einem ungebildeten, oder besser gesagt halb gebildetem Publikum begeistert aufgenommen, unter anderem von Robespierre. Damit wurde er zugleich geistiger Vater der Linken, vor allem Vater der linken Pädagogen, und als Vater einer populärwissenschaftlichen, leicht verständlichen Philosophie, Vorläufer von Nietzsche, der gleichfalls als schillernder, Beziehungsgestörter Literaturphilosoph  die zweite „Götterdämmerung“ in Europa auslöste. (Diesmal von rechts) Nur Vater im eigentlichen und engeren Sinne wurde er nie. Seine Kinder wahren Kopfgeburten, wenn man genauer hinsieht sogar Missgeburten. So rottete der Vater der schwärmerischen  „Zurück zur Natur – Bewegung“  wegen ein paar lausigen Äpfeln den Bestand der Murmeltiere in Montmorency  aus. Der Gefühlsduselige  Naturschwärmer ist gleichzeitig Haustyrann und kleinbürgerlicher Schrebergärtner. Hinter der Maske des Altruisten lauerte stets der kühle, penible, berechnende Machtmensch.  Rousseau war ein miserabler Degenfechter aber offenbar guter Schütze. Boswell gibt er den Rat, mit seinem Vater Schießübungen zu machen. Vielleicht steckt in diesem pädagogischen Vorschlag sogar ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, die Gutmütigkeit des Gastgebers nicht bis zum letzten aus zu reizen. In der einsamen Eremitage lag stets eine geladene Flinte neben seinem Bett.

Mit James Boswell betritt erstmals ein „Anti-Ideologe“ die Bühne, einer, der mit einem skrupellosen, provokanten Hinterfragen zugleich ein neues Medium schafft. Den modernen Journalismus. Er will durch Fragen, zur Wahrheit gelangen. Eine Methode, die schon Sokrates im alten Athen anwendete. Also nicht wirklich neu ist. Die Antworten, die er von Rousseau erhält, befriedigen ihn nicht, wohl aber die Vulva und Brüste seiner Haushälterin. Man fragt sich, warum er überhaupt die Meinung des Meisters ergründen will. Das einzige was beide verbindet sind vielleicht Bruchstücke aus Rousseaus eigener Vergangenheit. Auch der Philosoph begann seine Kariere als „Globetrotter“, bis ihn sein bewegtes Wanderleben schließlich in die hehren Kreise des französischen Hochadels führte. Nicht der Mensch Rousseau interessierte den schottischen Draufgänger, sondern dessen rätselhafter Erfolg. Am Ende ist Boswells Auftritt in Motiers nichts weiter als ein theatralisches Affentheater mit erotischen Einlagen. Ähnlich wie der Film „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, in dem ein alter frustrierter Professor (Richard Burton) und seine noch ansehnliche Frau (Liz Tayler) einen jungen Gast in ihren Rosenkrieg mit einbeziehen. Sie schläft mit ihm, um alte Rechnungen zu begleichen. Er zieht sich frustriert zurück. Am Ende fühlen sich alle irgendwie beschissen. Boswell hat wieder mal gemerkt, dass Sex keine Depressionen heilt, und Rousseau, der Kopfmensch, der solche authentischen Gefühle wie Eifersucht und Depressionen erst gar nicht aufkommen lässt, kann sich weiter in seine, von Masochismus geprägte Paranoia flüchten, Thereses Liebesgestöhn aus der Küche für einen Dampfkessel halten, und am Ende ausrufen: „ Das ist ja die reinste Verschwörung“.

Bleibt nur noch die Frage zu klären: Welchen Einfluss hat Rousseau, 300 Jahre nach seinem Geburtstag auf die heutige Moderne. Eigentlich gar keinen, müsste die Antwort lauten. Die Linken Eliten, die ihn gerne auf ihre Fahnen schreiben und als Vater der Revolution und Menschenrechte feiern haben ihn genau so missverstanden, wie ihn Robespiere verstanden hat.  Rousseau ist Lehrer und Wegbereiter des republikanischen Nationalstaates. Im Grunde genommen wird der Gesellschaftsvertrag aus zwei Quellflüssen gespeist. Aus der Republik Genf, Rousseaus „Vaterstadt“ und der französischen Nation. Jeder hat für sich genommen etwas, was der andere nicht besitzt. Die Schweiz ist keine Nation, sondern ein, wenn auch vom Landadel und städtischen Patriziern dominierter bürgerlicher Kleinstaatenbund, der unterschiedliche Volksgruppen zur „Eidgenossenschaft“ vereinigt. Die französischsprachige Republik Genf hat sich diesem Bündnis um 1500 als „zugewandter Ort“ angeschlossen. Die „magna Charta“ der Schweizer ist der um 1290 abgefasste Bundesbrief. Demgegenüber ist Frankreich ein absolutistisch regierter zentralistischer Nationalstaat, mit einer Einheitssprache, einem König an der Spitze, einer Einheitsreligion und einem spätestens seit 1214 bei der Schlacht von Bovien greifbaren Nationalgefühl. Nationalstaat und Republik fließen im Kopf des „citoyen de Geneve“, wie er sich selbst immer  wieder voller Stolz nannte, zusammen. Auch antike Staatsformen, wie das unselige Machwerk Platos „Der Staat“ schweben dem Gesellschaftskritiker vor Augen.

Von seinen „sozialistischen, utopistischen und diktatorischen“ Einsprengseln abgesehen, ist sein Ideal die kleinbürgerliche, nationale, Republik, mit geordneter Verwaltung, Wehrpflicht und vor allem Gesetz. Ein Rechtsstaat, dessen Souveränität unveräußerlich ist.

Genau der steht heute mehr denn je auf dem Prüfstand, und manche fragen sich zu recht oder Unrecht: Brauchen wir den im Zeitalter globalisierter Märkte  überhaupt noch, und erst recht das Militär. Ist der Nationalstaat, auch als „Demokratie“, nicht längst ein Auslaufmodel, genau so wie der Französische Adel zur Zeit Rousseaus ein Auslaufmodel war? Hier ziehen Linke und Neoliberalisten an einem Strang. Für die einen ist bereits eine Videokamera im S-Bahnhof, die für die Sicherheit der Fahrgäste sorgen soll, Zeichen eines totalitären Überwachungsstaates, die anderen wollen die Steuern auf ein Minimum reduzieren, Krankenkassen in Eigenverantwortung legen, Gewerkschaften auflösen und das Streikrecht den markpolitischen Erfordernissen anpassen, wie unlängst ein neoliberalistischer Dummschwätzer im hessischen Landtag gefordert hat.

Rousseaus Staatsidee einer nationalen Solidargemeinschaft und vor allem „Die Unveräußerlichkeit der Souveränität“ ist längst Makulatur. Aus vielen Bereichen hat sich der Staat zurückgezogen und sie einem neuen Adel in Form von Konzernen zur Ausbeutung überlassen. Das politisch korrekte Wort dafür heißt „Privatisierung“ in Wahrheit aber Rückfall in feudale Zeiten. Die Gebiete aus denen sich der Staat in Form von Bund, Land und Kommunen zurückgezogen hat, ist lang, und da der Rückzug schrittweise und in Etappen erfolgte für die nachwachsende Generation kaum noch nachzuvollziehen.

Bahn, Post, Telekommunikation, ehemals Städtische Wohnhäuser, ganze Stadtteile, Müllabfuhr, Verkehrbetriebe, Forstwirtschaft, Krankenhäuser und Kurkliniken sind längst in Privatbesitz.  In anderen Staaten sind private Firmen im Besitz von Straßen und Autobahnen, die sie wie zu Rousseaus Zeiten mit „Wegezoll“ belegen. In Amerika gehören Firmen ganze Städte. Zentrale demokratische Grundrechte wie „Wahlrecht“ gelten hier nicht mehr. Es gilt eine Art „Hausordnung“ wie auf einem Wohnmobilstellplatz, die von einem ebenfalls privatisierten Sicherheitsdienst überwacht wird.  Der Bürgermeister ist damit „Geschäftsführer“ der von einem Geldadel – die Leute die im Aufsichtsrat der „Stadtfirma“ hocken – wie ein Vogt, oder Lehnsmann „eingesetzt“ wird. Doch nicht nur die  Administrative auch die Exekutive Gewalt befindet sich in den USA in weiten Teilen bereits in Privatbesitz. Hierzu  gehören Sicherheitsdienste, Haftanstalten und Erziehungsanstalten, private Universitäten Schulen…

Auch in Deutschland ist die Souveränität von Kommunen seit langem Etikettenschwindel. Bestes Beispiel ist der Frankfurter Flughafen. Bereits sein Name ist irreführend, denn er ist eigentlich ein „souveränes Territorium“ ähnlich den „reichsunmittelbaren Städten“ Er ist der „Deutsche Flughafen“ und zugleich „Internationale Drehscheibe“ das heißt „Internationaler Flughafen“ und damit eigentlich „Niemandsland“ Sowohl das Land Hessen, wie auch die Stadt Frankfurt, treten hier in die zweite Reihe sind so etwas wie moderne „Vögte“. Das Gebilde von der Größe und Menschenzahl einer Mittelstadt ist demnach ein Staat im Staat, eine demokratiefreie Zone. Der Vorsitzende der Fraport wird nicht von den Frankfurter Bürgern gewählt sondern vom Aufsichtsrat eingesetzt. Da der Airport zugleich ein „Internationaler Flughafen“ ist auch die „Souveränität“ des Staates über ihn eingeschränkt. In ähnlicher Weise wie das auch für „Internationale Wasserstraßen gilt“ Deutschland ist verpflichtet, sie funktionsfähig zu halten. Sollte beispielsweise in Folge der Klimaerwärmung der Wasserstand des Rheines dramatisch absinken, so wäre die Bundesregierung zum Bau von Großschifffahrtsschleusen   verpflichtet. Ganz unten in der Skala der Interessenvertreter rangieren die „Umlandbewohner“ Ihren Zorn könnte Rousseau gut verstehen und er würde auch sofort auf dem Rollfeld eine „Volksversammlung“ abhalten lassen, die über die weitere Zukunft des Monstrums entscheidet. Aber dann würde er vielleicht im letzten Moment zögern und sich fragen: „Wie ist dieser zivilisatorische, naturfeindliche, souveräne Staat im Staat mit seinen 70 000 Untertanen, eigentlich entstanden?“

Die Antwort würde ihn sicherlich überraschen und erschüttern. Es ist der „König Kunde“ der Konsument; dazu gehört der Oberlehrer, der nach Ägypten jettet, um die Pyramiden zu bewundern, der Marketingmensch auf dem Weg in die USA, das Rentnerehepaar, dass den Winter lieber auf Gomera verbringt, der Prolet, der sich im Ballermann die Kanne geben will und der Hurenbock auf dem Weg zu Thailändischen Prostituierten. Alles in Allem 56 Millionen Menschen, mehr als Europa zu Zeiten Rousseaus  Einwohner hatte.

Da nach Rousseau immer das „Gesamtwohl“ und nicht die Interessen einzelner zählen, – mit Ausnahme der „Wüstlinge“ – würde er über die heutigen Bürgerbegehren nur ungläubig den Kopf schütteln.

Richtig wütend machen, würde ihn der Vorschlag einiger dekadenter Eliten, fundamentalistischen Muslimen in Form von „Schariagerichten“ eigene Gesetzesorgane einzurichten. In diesem Fall würde er Seite an Seite mit seinem Erzfeind Voltaire und dem Rest der Aufklärer  auf die Barrikaden gehen, denn genau gegen diese Form „religiös motivierter Rechtsprechung“, sprich Kirchengerichte sind beide unabhängig von einander Sturm gelaufen. Ruck zuck wäre Rousseau ein von den Linken gejasster Rechtspopulist.

Auch die Schwulen hätten nichts zu lachen. Homo-Ehe? Eine staatlich anerkannte Lebensgemeinschaft von Wüstlingen? Schon bei diesem Gedanken bekäme der Moralapostel Ohnmachtsanfälle. Über die Adoptionen solcher Lebensgemeinschaften würde der Pädagogikspezialist – seine Findelhausaktion wie immer schizoid verdrängend – Hasserfüllte Abhandlungen schreiben und dabei wie immer bis zum Erbrechen den zur genüge bekannten Gerechtigkeitsgott bedienen. Ganz zu schweigen von der Diskussion um ein drittes Geschlecht.

Wie schon mehrmals angedeutet hat die Moderne – natürlich unter ganz anderen Vorzeichen und Entwicklungsschritten – erschreckende Ähnlichkeiten mit der Rokokozeit. Augenfälliges Beispiel sind die modernen Armeen. Sie sind wie zu Rousseaus Zeiten samt und sonders Söldnerheere. Sie haben das, nicht zuletzt durch die Französische Revolution entstandene „Volksheer“ mit einer „Wehrpflicht“ abgelöst. Das „Söldnerheer“ des 18. Jahrhunderts diente allein den „Interessen“ des absolut regierenden Fürsten. Die heutigen modernen „Berufsarmeen“ dienen nicht mehr wie die „Wehrpflichtarmeen“ des „Kalten Krieges“ der Landesverteidigung, sondern den Wirtschaftsinteressen einzelner aber im globalen Verband operierender Konzerne.  Die deutsche Marine patrouilliert nicht auf Ost und Nordsee, sondern kreuzt im Roten Meer vor der Küste Somalias, um die Meerenge vor Piraten zu schützen, damit die Schiffe, ihre in der 3. Welt geschürften Rohstoffe und produzierten Wahren wohlbehalten in die „Konsumrokoko-Wohlstandsländer“ bringen können. Als ein Bundespräsident die unbequeme Wahrheit über den Einsatz verkündete brach ein Sturm der Entrüstung los. Die neuen „Souveräne“, sprich Konzerne, betreiben einen verdeckten Kolonialismus, in dem sie beispielsweise  in Billiglohnländer produzieren lassen. Streng genommen ist die Postdemokratische westliche Industrie-Gesellschaft an einem ähnlichen Punkt angelangt wie die französische Adelsgesellschaft am Vorabend der Französischen Revolution. Sie sehnt sich nach Abschaffung!

Die Fälle in denen „Volksvertreter“ wie Feudalherren auftreten und Privilegien und Sonderegelungen beanspruchen würde dem Umfang der Abhandlung sprengen. Ob Staatsmänner Sexorgien veranstalten, Geld von Freunden annehmen und sich Urlaube bezahlen lassen, oder ein Bürgermeister einer Südwestdeutschen Landeshauptstadt die Bedienung anpflaumt, weil er seine Weinrechnung nicht bezahlen will; alle diese Fälle zeigen, dass Politiker heute schon zu einer eigenen Kaste geworden sind, die sich nicht mehr unmittelbar kontrollieren lässt. Der Politiker der Nachkriegszeit, der oftmals nur einen einfachen bürgerlichen Beruf gelernt hat und dann über einen beschwerlichen Weg, die so genannte „Ochsentour“ zu Amt und Würden kam, ist längst Vergangenheit. Er ist durch den „Berufspolitiker“ abgelöst worden, einem klassischen Karrieristen, der nach Jura und Verwaltungsstudium sich zur Wahl stellt, also in den seltensten Fällen die alltäglichen Probleme seiner „Wähler“ auch nur Ansatzweise kennt. Wozu auch. Er braucht den Wähler nur alle fünf Jahre. Seinem wahrer „Dienstherren“ ist dieser moderne „Lehensmann“ dagegen ständig Rechenschaft schuldig.

Ergo: Ein kleiner Kreis von Konzernchefs bilden eine Art Hochadel, ihm folgt ein mittlerer bis niedriger Adel aus Firmenchefs. Daneben gibt eine Art niederer und höherer Ministerialadel, sprich Verwaltungsadel aus mehr oder weniger korrupten Politikern die als Lobbyisten dem Kapital-Hochadel zu Verfügung stehen, Industriestandorte attraktiv macht, „Arbeitsmarkpolitische Entscheidungen“ durchsetzen…  Der große Rest der Bevölkerung wird aus dem Bürgertum und Kleinbürgertum gebildet, den mehr oder weniger gut verdienenden Angestellten, selbstständigen, Facharbeitern, Freiberuflern. Ganz unten steht eine Art verarmtes postmodernes Proletariat, aus Niedrig Lohn und Harz IV Empfängern, Sozialrentnern usw. dass aber so bunt gemischt ist, dass es gar nicht als Klasse definiert werden kann. Die Schere zwischen Arm und Reich driftet immer weiter auseinender und nähert sich durchaus Rokokoverhältnissen an. Immer mehr Kapital befindet sich in den Händen immer wenigerer. Der Mittelstand bricht weg und „veramt“. Der Tagelöhner der Feudalzeit ist heute der Niedriglohnempfänger. Dennoch werden die meisten sozialen Härten durch einen allgemeinen Wohlstand teilweise abgefedert.

Das eigentliche Proletariat, wie es in der Rokoko und frühen Industriezeit bis ins 20. Jahrhundert hinein verstanden wurde, also „Unterschicht“ im klassischen Sinne, sprich Arbeiter, arme Handwerker, vor allem Bauern und Landarbeiter leben und arbeiten heute in China, Indien, Nepal, Afrika, Lateinamerika  usw. In dieser merkswürdigen neuen Welt werden demokratische Entscheidungsprozesse immer schwieriger, weil sie immer mehr mit anderen europäischen Ländern abgesprochen werden müssen – Stichwort Brüssel – oder den Gesetzen des globalen Weltmarktes unterliegen. Angesichts dieser Entwicklung hat der Bürger den Eindruck, dass Politiker immer weniger bewegen können, da sie de facto nur als Verwaltungsangestellte und Bürokraten irgendwelcher Interessengruppen fungieren.

Der einzelne kann immer weniger durch Politik  sein persönliches Umfeld in seinem Sinne gestalten. Der Harz IV Empfänger bekommt nach der Wahl keinen neuen Job, der Obstbauer hat nach der Wahl die gleichen Probleme seine Äpfel zu verkaufen, wenn sie nicht der EU-Norm entsprechen, usw.

Die Folgen sind: Ein rasanter Mitgliederschwund bei Parteien und eine ständig nach unten sinkende Wahlbeteiligung, vor allem bei Kommunalwahlen. Zum Thema „Kommerzialisierung der Politik“ bei gleichzeitigem Desinteresse hat Rousseau im „Gesellschaftsvertrag“ eine beinah prophetisch anmutende Bemerkung hinterlassen, die sich beinah so liest, als hätte er heutige Zustände vor Augen:

„Sobald der Dienst am Staat die Bürger nur noch mäßig interessiert und diese dem Staat lieber mit der Geldbörse als mit ihrer Person dienen, ist der Staat seinem Untergang schon nahe. Muss man denn selber in die Schlacht ziehen? Sie bezahlen Truppen und bleiben zu Hause. Mauß man den selber in den Rat gehen? Sie benennen Abgeordnete und bleiben zu Hause. Faul und reich, haben sie schließlich Söldner, um das Vaterland zu versklaven, und Volksvertreter, um es zu verkaufen. Die Geschäftigkeit in Handel und Künsten, gieriges Gewinnstreben, Verweichlichung und Bequemlichkeitssucht führen dazu, dass jeder persönliche Dienst durch Geld ersetzt wird…  Man tritt ein Teil seines Gewinnes ab, um ihn beliebig zu steigern. Gebt Silber – und ihr landet in Eisen! (Ketten)

Seine auf den ersten Blick „anarchistische Alternative“ mutet auf den zweiten Blick jedoch wie der „Steinzeitkommunismus“ eines stalinistischen Diktators an:

Begriffe wie „Staatsfinanzen oder Steuern sind Sklavenwörter; (da lacht noch die Antifa) Die ideale Polis kennt sie nicht. In einem wirklich freien Staat tun die Bürger alles eigenhändig und nichts mit Geld. Statt sich von ihren Pflichten loszukaufen, würden sie eher noch dafür bezahlen, sie selbst erfüllen zu dürfen. Ich teile die herrschenden Vorstellungen diesbezüglich ganz und gar nicht; so glaube ich etwa, dass Zwangsarbeit der Freiheit  weniger  widerstreitet als Steuern“…

Solche süffisanten, populistisch angehauchten Sätze sind nicht nur schizoid, sondern sogar schizophren. Das gefährliche daran ist, dass aus diesem kruden Steinbruch Schizoide und paranoide Diktatoren wie Robespierre und Stalin genau so ihre Quader schlagen konnten, wie Hitler, Mussolini und Franco. Die heutigen Linken, die bei dem Begriff „Vaterland“ bereits hysterische Anfälle bekommen, können also nur mit dem Kapitalismuskritiker und Zivilisationskritiker etwas anfangen nicht aber mit dem Patrioten. Was alle drei, Rechte, Linke und Rousseau jedoch verbindet ist eine ausgeprägte Intoleranz, Selbstgerechtigkeit und die Fähigkeit unangenehme Dinge einfach abzuspalten oder schönzureden, bzw. zu rechtfertigen, so wie Bloch die Stalinistischen Säuberungen. Fazit an Rousseau spalten sich die Geister, weil er selbst eine gespaltene Persönlichkeit voller Widersprüche war. Für solche kranken Leute gilt heute wie damals eine Grundregel:

Sie landen entweder in der Irrenanstalt, fristen anderweitig ein trauriges Dasein, oder sie werden berühmt, ganz gleich welche Leichen sie hinterlassen haben…

 

Klaus Lelek

Usingen 2.3.2012

Advertisements