Gestatten: Mein Name ist Boswell

„Gestatten: Mein Name ist Boswell, James Boswell!“

Zu den Konsumenten Rousseauischer Gedankenwelt zählt auch James Boswell, ein kleiner bis dato noch unbekannter, hoffnungsvoller Jurastudent aus London, Prototyp des Rucksacktouristen aus gutem Hause, von Hause aus Schotte, aber ausgestattete mit der für Engländer so typischen Leichtigkeit und Oberflächlichkeit. Wenn Rousseau „Vater der Revolution“ ist, so ist Boswell der „Vater der Spaßgesellschaft“. Wie die 68ziger später verkündeten gehören Revolution und Spaß irgendwie zusammen. So bricht der Schotte 1764 zu einer Europareise auf, die ihn durch Holland, Deutschland, Schweiz und Italien einschließlich Korsika führt.  Auf seiner Reiseliste stehen – geordnet nach Gewichtung –   Sexkontakte, Sehenswürdigkeiten und der Besuch von Revolutionären, allen voran Rousseau, aber auch der korsische Rebell Paoli. Von beiden Besuchen profitiert der Schotte. Dass er dem Korsen großspurig ein Bündnis mit England anbietet, wirft pikante Fragen auf. Ist er am Ende als Geheimagent im Auftrag seiner Majestät unterwegs? Als Vorläufer von James Bond? Oder ist er nur ein großspuriger Abenteurer, der die Gunst des Augenblickes nutzt.  Auch Boswell ist ein Meister der Selbstinszenierung und will berühmt werden. Die leichteste Art berühmt zu werden ist sich an bereits berühmte Menschen dranzuhängen. Boswell hat keine „Mama“, sondern einen „Papa“, einen väterlichen Freund namens Samuel Johnson, dem er wie ein treuer Pudel folgt. Auch David Humes gehört zum Londoner Netzwerk des Newcomers.

England betrachtet Rousseaus Verfassungsentwürfe und politischen Schriften eher gelassen, teilweise  sogar verächtlich. Dazu gehört vor allem Johnson. Für ihn ist Rousseau nichts weiter als „einer der schlimmsten Menschen, ein Schurke“

Englands Verfassung geht auf die mittelalterliche Magna Charta zurück, hat Bürgerkriege und Dynastien überlebt, ein Weltreich ermöglicht, eine Industrienation geschaffen. Die französische Republik dagegen muss sich erst erfinden. Die angelsächsische Politik orientiert sich bis heute immer an der Gegenwart, am schnellen Geld, am augenblicklichen Vorteil, auf Kosten anderer. Die Auswirkungen ihrer Politik – dazu gehört auch das richtige Einschätzen zukünftiger Gegner – ist auf Tea-partys und Clubs kein Thema. Menschen wie Ghandi, Hitler, Atatürk sind den Engländern stets wie Springteufel erschienen, die plötzlich wie aus dem Nichts aus der Blackbox sprangen. Ähnlich verhält es sich bei Rousseau. Es sind daher weniger die Schriften die in England Furore machen, als Rousseaus Lebensweise. Sein „Spleen“. Das kommt bei den Engländern gut an, befriedigt die Sensationslust und bringt Abwechslung auf die verregnete Insel.   Das „learning by doing“, wie es Rousseau indirekt im Emil empfiehlt, ist in England selbstverständlich. Bis heute gibt es in England keine richtigen Ausbildungsverträge und Abschlüsse. Entweder man beherrscht sein Fach oder man fliegt. Landet als Loser in der Gosse. England ist zwar eine Demokratie aber kein Sozialstaat.

Das  Motiv des Globetrotters Rousseau für längere Zeit zu besuchen, kann daher als Versuch gewertet werden sich unabhängig von Hume und Johnson eigene Netzwerke aufzubauen. Für Boswell ist das eigenständige Kontakte knüpfen Teil eines selbst auferlegten Schulungsprogrammes. So lässt er beim Besuch des berühmten Philosophen das Empfehlungsschreiben von Lord Marischall in der Tasche. Kaum das er Rousseaus Behausung betreten hat  spielt er mit dem Philosophen, führt den Bären am Nasenring herum, lenkt die Gespräche in seinem Sinne. Der Meister der Selbstinszenierung hat seinen Zauberlehrling gefunden. Boswell reißt die Regie an sich, verteilt die Rollen neu, setzt Rousseau in die zweite Reihe. Die eigentliche Sensation: Er holt eine Figur auf die Bühne, die bisher in Rousseaus Leben nur eine Nebenrolle – wenn auch eine wichtige –  gespielt hat. THERESE LEVASSEUR.

Boswell verleiht ihr eine Stimme. Rousseau berichtet nur über sie. Das meiste klingt nicht sehr schmeichelhaft. Therese bleibt dabei stumm oder schwätzt feldbuschartiges Zeug zusammen. Sie ist hauptsächlich Spielball einer bösen Mutter und galanter Intriganten. Eine Marionette im mondänen Pariser Rokokotheater.  Boswell erweckt sie zum Leben. Das Stück heißt „Menage a trois et amour fou“. Ein beliebtes weit verbreitetes französisches Gesellschaftsspiel. Geheiratet wird nur aus gesellschaftlichen Gründen. Mit der Ehefrau ins Bett geht man nur um Kinder zu zeugen. Sex dagegen hat Mann und Frau mit Liebhabern und Geliebten. Rousseaus Bekenntnisse sind voller außerehelicher Laisons. Ganz Frankreich, aber auch das übrige Europa sind ein einziger Swingerclub. Dass Boswell von dieser großen Einrichtung  gebrauch macht, kann ihn niemand verdenken. Er „leidet“ außerdem an einer zwanghaften Sexsucht, versucht durch rastlose Frauenbekanntschaften seine innere Leere zu bannen. Boswell braucht die sexuellen Kicks genau so zum Leben, wie Rousseau seine Harnsonden.   Therese wird seine Geliebte. Der Bär brummt und schaut weg. Es ist nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass er seine Frau mit anderen teilen muss.  Er ist in diesem Punkt bewundernswert resistent und leidenfähig. Als er 1738 von einem halbjährlichen Kuraufenthalt in Monpellier zu seiner „Mama“ in die Charmettes zurückkehrt findet er dort „seinen Platz von einem anderen besetzt“ Ein Schnösel von niederem Landadel Jean-Samuel Vintzenried, Beruf. Barbiergehilfe.

„Ein fader Flachskopf mit flachem Gesicht und ebensolchem Verstand…

„Er war dumm, eitel, unwissend und unverschämt, sonst aber der beste Junge von der Welt.

 Das war der Stellvertreter, der mir während meiner Abwesenheit gegeben worden und nun nach meiner Rückkehr als Gefährte zugemutet wurde…“

Seine Vorzüge lagen wohl eher in der horizontalen als in der geistigen Ebene, wie man aus der langen Auflistung seiner Liebschaften erfährt. Sein Sexueller Appetit entspricht ganz dem von Boswell. Die Warens ist ihm nicht genug:

 „Zu dem Besitz einer Frau voller Reize fügte er das kleine Privatvergnügen einer alten rotköpfigen und zahnlosen Kammerfrau, deren widerwärtige Dienste zu ertragen Mama die Geduld besaß…“

Rousseau selbst erträgt diese unerträgliche Situation ganze zwei Jahre, ehe er sich entschließt eine Hauslehrerstelle in Lyon anzunehmen. In Motiers ist Rousseau gegen Eskapaden bereits so resistent, dass er sie nicht einmal bemerkt. Nur Therese schämt sich wie immer. Die Fachwelt ist sich heute weitgehend einig, dass Therese eine Meisterin im Verbergen heimlicher Affären ist. Sexsüchtig ist sie sicherlich nicht, aber garantiert hat es ihre Lust gesteigert Rousseau heimlich zu betrügen und sich somit im Nachhinein für den Verlust ihrer Kinder zu rächen. Wenn es etwas gibt, was diese zerstörerische Beziehung 25 Jahre zusammenhält, so ist es die gemeinsame Zwiespältigkeit.

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