Gottgleiches Gewissen oder Selbstgerechtigkeit

Gottgleiches Gewissen oder Selbstgerechtigkeit

Hier schließt sich der Kreis. Der Rest ist Schweigen. Verdächtiges Schweigen. Totschweigen. Rousseau erwähnt Boswell mit keinem Wort, was für seine Geschwätzigkeit ungewöhnlich ist. Ein halbes Jahr nach Boswells Besuch, nach einer weiteren Eskalation, die den Philosophen erneut zur Flucht zwingt und Leidensdruck nochmals verstärkt greift Rousseau in eigener Sache wieder zur Feder.

Er beginnt sein Werk mit einem an Größenwahn grenzenden Rundumschlag, besser gesagt „Befreiungsschlag“.

Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführungen auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Einzig allein ich… Die Posaune des jüngsten Gerichtes mag erschallen, wann immer sie will; ich werde vor den höchsten Richter treten, dies Buch in der Hand, und laut werde ich sprechen: „Hier ist, was ich geschaffen, was ich gedacht, was ich gewesen. Mit gleichem Freimut habe ich das Gute und das Böse gesagt. Vom bösen habe ich nichts verschwiegen, dem guten nichts hinzugefügt.

Bereits diese wenigen Sätze verraten: Die Biografiearbeit steht auf tönernen Füßen. Ihr therapeutischer Nutzen ist fraglich, weil der Autor das Werk eigentlich nur Gott zur Beurteilung vorlegt.  Zwischen ihm und Gott müsste eigentlich ein  Psychoanalytiker stehen, der den gordischen Knoten aus Schuldgefühlen, verdrängten Ängsten und einem sich abzeichnenden Größenwahn behutsam auseinanderdividiert. Der aber ist noch nicht erfunden. So bleibt das wohlgemeinte Unternehmen schon nach wenigen Sätzen im Sumpf der Selbstgerechtigkeit stecken. Rousseau beansprucht keinen Arzt sondern einen Richter. Dieser soll ihn von einer „Schuld“ befreien. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste er sich jedoch über die Ursachen seines unglücklichen Lebens, über die Ursachen zerstörter oder auch zerstörerischer Beziehungen Klarheit verschaffen. Immerhin erkennt er so manches schmerzliche Fehlverhalten, vermeidet aber deren Analyse, und flüchtet in die Sphäre des calvinistischen Rache- und  Richtergottes, der wie ein himmlischer Puppenspieler bereits auf Erden die gerechten Strafen verteilt.

Die Verleumdung eines armen Dienstmädchens – er unterstellt ihr einen Diebstahl, den er selbst begangen hat -, auf die ich später noch einmal zu sprechen komme ist ein Paradebeispiel für Rousseaus Umgang mit Schuldgefühlen.

„Die arme Marion hat so viele Rächer in dieser Welt gefunden, dass ich, mein Vergehen gegen sie mag noch so groß gewesen sein, nicht fürchte mit der unabgetragenen Sündenschuld hinüberzugehen.“

Damit ist Rousseau aus der Verantwortung. Statt die Ursache seines kleptomanischen Verhaltens zu untersuchen, übergibt er die Angelegenheit lieber einem Rächergott. So wie er „seine Kinder“ dem Findelhaus übergibt und sich damit aus der Verantwortung stielt. Die hysterische Persönlichkeit bleibt somit unangetastet und erträgt geduldig die verdiente Strafe in Form eigener Schicksalsschläge. Interessanter Weise bedient er in letzen Fall – es geht hier immerhin um Menschenleben nicht um geklaute Seidentücher – nicht den calvinistischen Moloch der Genfer Bourgeoisie, sondern beruft sich auf die allgemeine Unsitte des katholischen Sumpfes Paris, den Geburtenüberschuss diskret zu entsorgen. Der Diebstahl eines Tuches wird nach geltendem Recht bestraft.  Das Abgeben von Neugeborenen im Findelhaus dagegen ist eine ganz legale Sache. Warum sollte Gott etwas bestrafen was der Großstadtmensch samt Justizapparat und Kirche  erlaubt. Bereits Rousseaus Zeitgenossen – allen voran Voltaire – haben diese doppelte Moral erkannt und dem Vater der Pädagogik Scharlatanerie und einen miserablen Charakter  vorgeworfen.

Auch ist sein „Unternehmen“ keinesfalls nur für das jüngste Gericht gedacht. Rousseau hat beim Abfassen der Bekenntnisse einen erfolgreichen Niederländischen Verleger im Rücken und ein europaweites Publikum vor Augen. Die Bekenntnisse sind nicht nur Selbstreflexion, und erst recht keine schonungslose Beichte. Wären sie dies, stände am Ende Reue und Vergebung. Diese urchristlichen, wenn auch katholischen Metaphern, sind dem Konvertiten, der schon bald wieder in die Arme des calvinistischen Richtergottes flüchtet, stets fremd geblieben, so wie ihm die Menschen fremd geblieben sind, die ihn aufrichtig liebten.

Kurz nach Fertigstellung der Aufzeichnungen geht Rousseau ohne ihren Druck abzuwarten damit hausieren. Ein fataler Fehler. Es kommt zum Skandal. Die Lesungen werden verboten. Die schmerzvolle Maßnahme der Pariser Polizei ist sogar nach heutiger Rechtsauffassung nachvollziehbar. Der Autor verletzt die Persönlichkeitsrechte zahlreicher an den Pranger gestellter Menschen. Die Bekenntnisse erscheinen posthum und werden damit  für die Nachwelt erst greifbar als für den Autor tatsächlich die Posaune des jüngsten Gerichtes erschallt. Sie kurbeln vor allem den Nachruhm des 1778 gestorbenen Philosophen an, finden viele und sicherlich auch bessere Kopisten.

Die erhoffte Erlösung oder gar Heilung des Urhebers bleibt freilich aus. Rousseaus  Krankheitszustand verschlimmert sich. Depressionen und Wahnvorstellungen nehmen zu. Der Schöpfer einer neuen Art von autobiografischer Literatur hat wie ein Bergmann tiefe Schächte in sein Innerstes gegraben, doch statt dem Gold der Erkenntnis nur einen Haufen seelischen Abraum gefördert und sich damit zugedeckt. In diese Abraumhalde dringt genau so wenig Licht, wie in den Schacht,  den der Biograf  zuvor gegraben hat. Rousseau gerät immer mehr in die Isolation. Das einzige was an Erkenntnis bleibt, um die Fragen nach der Ursache seelischer Krankheiten zu lösen, ist das gründliche Erforschen des eigenen Lebens,  vor allem der Kindheit, wie es später die Pioniere der Psychoanalyse allen voran Siegmund Freud und C.G. Jung vorantreiben. Der eine war Jude, der andere wie Rousseau Schweizer und Calvinist.

Rousseau ist so sehr von seinem Rechtfertigungssystem geblendet, dass er nicht einmal erkennt, welchen guten Weg er ursprünglich beschritten hat. Um diesen Weg weiter zu verfolgen, hätte er selbstkritischer, weniger hysterisch und ichbezogen sein müssen. Dafür war der Zeitpunkt  der Lebensbeichte  zu spät gewählt. Viele Dinge, wie etwa die Wiedergutmachung von Fehlern – etwa die Rettung seiner Kinder -, waren zum Zeitpunkt der Niederschrift unumkehrbar, haben also die verdrängten Schuldgefühle verstärkt, ohne sie aufzulösen.

Rousseau hat eine Menge Leichen aus dem Keller geholt, deren Geister nun unerlöst herumtoben, ohne dass er sie wirklich besänftigen kann. Dazu gehören:

– Eine Mutter, die bei Rousseaus Geburt starb.

– Ein Bruder, an dessen Ende er zwar nicht schuldig aber indirekt beteiligt ist,  

– Rousseaus glorifizierte „Vagabundage“ als „Kleinkrimineller“ Falschmünzer und Zechpreller

– Das Verstoßen eines treuen Weggefährten

– Das „Aussetzen“ eines hilflosen Menschen

– Die Freude über den Tod eines Nebenbuhlers, dessen schwarzer Rock er  wie ein    Leichenfledderer an sich reißt .

– Verleumdung eines Dienstmädchens, dessen Leben danach vermutlich zerstört war

– Zwei oder drei Kinder, der Mutter Therese Levasseur entrissen, die bald im Findelhaus sterben

– Die Undankbarkeit gegen Hume, der ihm das Exil in England ermöglicht (spielt für die Bekenntnisse nur indirekt eine Rolle)

Eine durchaus ansehnliche Hypothek, die kein gutes Licht auf den Charakter des Philosophen wirft und ihn bereits zu Lebzeiten den Ruf eines „haltlosen Psychopaten mit miserablen Charakter““ einbringt. Zu den größten Kritikern der Nachwelt zählt Heinrich Heine. Den Philosophen als „Heiligen“ zu bezeichnen, wie Ernst Glaeser auf einem Genfer Rousseaukongress ist glatter Hohn.

Dem gegenüber stehen auf der „Sollseite“, die aber ebenfalls nicht bearbeitet und auf ihre Ursachen hin untersucht wird:

– Der bereits erwähnte unheilvolle Einfluss und seelischen Missbrauch des calvinistischen Vaters (der jedoch nie als solcher erkannt wird)

– Die nicht gerade feine Art der  „Ersatzmama“ Madame de Warens, die Beziehung zu Rousseau zu beenden 

– Die ständige aber gut getarnte Untreue  der Lebensgefährtin Therese Levasseur

– Eine  „böse Schwiegermutter“, die an vielen Komplotten beteiligt ist.

– Der kriminelle Bruder von Therese, der Rousseaus  100 Seidenhemden stielt

– Der geile Gauffecourt, der Therese auf der Kutschfahrt nach Genf fast vergewaltigt

– Die Beziehungen zu Grimm und Diderot, die erst seine Freunde sind, ihm bald jedoch Schaden zufügen, gegen ihn intrigieren usw. (versuchen ihm die Frau wegzunehmen)

– Die gleichfalls hysterische Madame de Houdedot, die Rousseau den Kopf verdreht und ihn dann schmoren lässt

– Der Konflikt mit Mäzenin Epinay, die sich sehr ambivalent verhält

– Die Feindschaft der katholischen und calvinistischen Kirche und der französischen Regierung

– Boswell, der Roussseaus Situation skrupellos ausnutzt und sich mit Therese vergnügt

– Voltairs üble Intrige die Schweizer gegen Rousseau aufzuhetzen

– Die Verfolgung (Steinigung) Rousseaus durch die Bevölkerung von Motiers

Wie man an der Aufzählung leicht erkennt, wird Rousseau vom „Leben“ hart bestraft, besser gesagt, es sind die Menschen, die mit Rousseau übel umspringen. Genau hier liegt die Denkfalle des Genfers und die Schwäche seiner „Bekenntnisse“…

Das Leben wird nach dem Muster calvinistischer Moraldogmen sortiert. Recht und Unrecht abgewogen. In der einen Waagschale sitzt der „böse Rousseau“, der Täter „verächtlich und niedrig“, in der anderen Wagschale der „gute Rousseau“, das Opfer „edelmütig und groß“. Da sich die Wagschale, wie man an der Aufzählung  erkennt, deutlich zu Gunsten des „Guten Rousseau“ neigt, werden alle Fehlleistungen verrechnet, annulliert und zu Gunsten eines beinah verklärten Heiligen „schöngeredet“. Rousseau tritt nun engelsgleich und innerlich geläutert beim Klang der „Posaune des jüngsten Gerichtes“ vor den „höchsten Richter“, dem er sich – und hier zeigt sich das Endstadiums eines religiösen Größenwahns – mit  einer Gottgleichen Ehrlichkeit präsentiert, wenn er schreibt:

„Ich habe mein Inneres so enthüllt, wie du selber es geschaut hast, EWIGER GEIST.“

Im Klartext: Rousseau sieht sich selbst mit den Augen Gottes. Gott und das eigene Gewissen sind  deckungsgleich. Die Bekenntnisse haben demnach den Charakter einer Bibel, deren Wahrheitsgehalt von niemand in Frage gestellt werden darf. Sie sind Dogma, calvinistischer Katechismus…

Dass dieses System nicht funktionieren kann, liegt vor allem daran, dass Rousseaus Trennungslinie zwischen Täter und Opfer von der „eigenen Wahrnehmung“ geprägt ist, die wiederum einem Schwarzweisraster folgt. Dieses Raster entspricht eins zu eins dem Denkmuster einer Borderline-Störung. Rousseaus Weltsicht schwankt zwischen Idealisierung und Entwertung. So wird der Vater idealisiert, obwohl er in Wirklichkeit ein verlogener, verantwortungsloser, ungerechter Lump ist, der Rousseau mitten in der Pubertät im Stich lässt, nachdem er zuvor seinen ersten Sohn ins Unglück gestürzt hat.

Junge Leute aus Genf dagegen, die sich mangels anderer Örtlichkeiten heimlich zu einem Stelldichein im Hohlweg treffen, um vor der Ehe ein wenig sexuelle Erfahrung zu sammeln, sind nichts weiter wie „läufige Hunde“.

Unter diesen Vorraussetzungen ist es fraglich ob Rousseau überhaupt sich selbst und erst recht andere fair und objektiv beurteilen kann, ob nicht alles, was er schreibt von einer schweren Wahrnehmungsstörung getrübt ist und damit – um auf seine frühe Kindheit zurückzukommen – der „wunderlichen Phantastischen Vorstellung vom Leben“ entspricht, die ihm der Vater und dessen „Bücherschatz“ gelehrt haben. Dieser Vater, der nie in Frage gestellt wird, steuert als mächtiges Über- Ich weiterhin  Rousseaus Denkweise und Handlungen. Der Philosoph hat keine normale Kindheit erlebt, die Pubertät verschlafen und den inneren Vater zum Gott erhoben. Dessen Antipart – den bösen, ungerechten, jähzornigen, egoistischen Vater – bekämpft Rousseau nun in Form von Staat, Adel, Kirche, Voltaire, Diderot, Grimm … Die Mutter wiederum ist bereits nach Rousseaus Geburt gen Himmel gefahren und bildet nun die zweite mächtige Gottheit im Pantheon des Philosophen. Sie ist zu einer Art „Calvinistischen Maria“ geworden, absolut rein und vollkommen verklärt. Alle Frauen in Rousseaus Leben  müssen sich mit ihr messen lassen. Selbst die bravsten müssen gegen diese Madonna wie eine Hure erscheinen. Ihre himmlische Liebe ist unerreichbar  – Rousseau erwähnt ihre Treue und Keuschheit während der Abwesenheit des Vaters – und vor allem leidenschaftslos. Geschlechtliche Liebe kann also – egal mit welcher Partnerin – nur ekelerregende Kopulation sein.

Dem Schema „Idealisierung und Entwertung“ sind daher fast alle Personen der Bekenntnisse unterworfen. Einige jedoch werden gleichzeitig idealisiert und entwertet. Dazu gehört Beispielsweise Rousseaus Lebensgefährtin – auf die im Laufe der Abhandlung noch genauer eingegangen wird – aber auch die Mäzenin Epinay, die zuerst, wegen ihrer äußeren Erscheinung abgewertet, dann ob ihrer „freundschaftlichen Fürsorglichkeit“ bis an die Schmerzgrenze rührenden Kitsches idealisiert, und schließlich als herzloses Monster in den Memoiren ihre Maske fallen lässt. Also wieder in den Syphilisverseuchten Orkus abtritt, dem sie entstiegen ist.

Angesichts oben genannter Fehlleistungen und durch fortgeschrittene psychische Störung hervorgerufene Wahrnehmungsverzerrung ist es weiterhin fraglich, ob der „gute Rousseau“ wirklich so edelmütig und groß ist, wie er sich in den Bekenntnissen präsentiert. Unterzieht man den „Opferstock“ des Philosophen einer genaueren Prüfung, so schmilzt seine moralische Überlegenheit dahin wie das Eis in der Sonne. Die Waagschale verschiebt sich schnell zu Rousseaus Ungunsten. Bearbeitet man oben bereits erwähnte Soll-Liste  nach neutralen Kriterien ergeben sich ganz andere Sichtweisen:

– Gönnerin Madame de Warens hat sehr viel Liebe und Verständnis für Rousseau aufgebracht, war aber irgendwann einmal mit ihrer Geduld am Ende. Einen gestörten Liebhaber, der Sexualität als „Prozedur“ bezeichnet gegen einen lebensfrohen Friseur einzutauschen ist kein Verbrechen  

– dass Rousseaus sexuell vernachlässigte Frau Therese Levasseur sich Liebhaber suchte und mit ihnen ihren Kinderwunsch nachkam, kann man ihr nicht anlasten. 

– 100  kostbare Seidehemden unbeaufsichtigt  in einem Pariser Mietshaus hängen zu lassen, ist beinah Aufforderung zum Diebstahl.

Die Lebenspartnerin mit einem geilen Bock wie Gauffecourt allein in der Kutsche reisen zu lassen, grenzt an Kuppelei.

– Grimm und Diderot haben Therese helfen wollen. Das kann man ihnen nicht ankreiden.

– Zum Konflikt mit Mäzenin Epinay hat ein unglaublicher verletzender Brief Rousseaus geführt

– Als reifer Mann von immerhin 45 Jahren hätte er die Beziehung zur Houdedot  anders gestalten können. Er hat dieses Drama auf hysterische Art künstlich angeheizt.

Auf die verbleibenden Konflikte soll im Laufe der Abhandlung eingegangen werden. Die oben genannten Beispiele haben bereits zur genüge bewiesen, wie einseitig und selbstgerecht  Rousseaus  Sichtweise ist. Daneben zeigt der Philosoph vielerorts auch Ansätze von „Selbstschädigendem Verhalten“. Zu dieser „Selbstbestrafung“ zählt zum Beispiel der freiwillige Verzicht einer lebenslangen Pension, die ihm nach dem Erfolg des Dorfwahrsagers angeboten wird.  Die Ablehnung eines Hilfsangebotes des Prinzen Conti zu einer Zeit wirtschaftlicher Not. Die stupide Arbeit als Notenkopist, obwohl ihm sicher andere Verdienstmöglichkeiten offen stehen. Sein zeitweiliges  „Herumstreifen als Landstreicher und Falschmünzer“ und der „Abbruch von Ausbildungen“ könnte man als „Sühne“ gegenüber dem verstorbenen Bruder ansehen und als unbewusste verspätete Rebellion gegen den Vater, der ja aus oben genannten Gründen den Bruder Franz verstoßen hat.

Das System, des sich selbst beurteilenden und rechtfertigenden Probanten findet in „Rousseau beurteilt Jean-Jacques“ seine unselige Fortsetzung. Dieses Manuskript ist direkt an Gott adressiert. Zur Abwechslung mal an die Katholische Ausführung, Name: „Vorsehung, Beschützer der Unterdrückten, Gott der Gerechtigkeit“, wohnhaft Notre Dame in Paris. Dummerweise war der Briefkasten, sprich Hauptaltar, zum Zeitpunkt des Einwurfes nicht zugänglich. Gut für das Manuskript, das sicherlich vom Bodenpersonal des Beschützergottes postwendend entsorgt worden wäre. Schlecht für Rousseau, der das verschlossene Gitter des Lettners als ein Zeichen auffasst, dass die Vorsehung seine Gabe nicht annehmen will. Das vorletzte Werk des 1778 verstorbenen Philosophen ist ein erschütterndes Dokument des fortgeschrittenen Wahns. Dass er dennoch, oder besser gesagt immer noch „Freunde“ hat, die bis zum letzten Atemzug wie Schutzengel, gute Feen und Nothelfer  die Hand über ihn halten, kann man getrost als „göttliche Fügung“ auffassen. Er wurde fast auf den Tag  66 Jahre alt. Ein Alter, in dem, laut Liedtext eines deutschen Schnulzensängers, das Leben erst anfängt. Für Rousseau beginnt nun das „ewige Leben“ Bereits in den letzten, von Wahn geprägten  Jahren ist Rousseau eine lebende Legende, die wie eine erlöschende Supernova noch einen ungeheuren Glanz verbreitet.

Dieser Glanz hält auch heute noch an. Im Zeitalter der Postdemokratie mehr denn je. Die Rousseaus von heute – männliche wie weibliche – outen sich zur besten Sendezeit, kokettieren mit ihren Schwächen und Gebrechen, flüchten hysterisch von einem Ort zum anderen, schockieren mit Skandalromanen, Feuchtgebieten und Schoßgebeten und belehren uns mit Halbwahrheiten und Binsenweisheiten. Sie sind immer für eine Überraschung gut, Meister der Selbstinszenierung und gewiefte PR-Strategen. Zwischendrin sind sie ausgebrannt,  machen eine Therapie, pilgern nach St. Jakob Compostella, Konvertieren medienwirksam zum Islam, verkriechen sich in einer Waldhütte, ohne vorher der Welt mitzuteilen, dass sie gerade ein Buch schreiben, dass sich mit dem wahren Sinn des Lebens befasst, dass bereits schon ausverkauft ist, noch ehe sie eine Zeile geschrieben haben. Sie zelebrieren ihre Einsamkeit ebenso wie ihre Selbstlosigkeit als Supermama mit vielen Kindern, die sie samt Partner dann wieder verlassen, um nach Superdiät, Drogenentzug usw. als vollkommen neuer Mensch wieder in irgendeiner Talkrunde aufzutauchen. Sie sind vor allem eins: Grenzenlose Egomanen. Dekadent, hedonistisch und genusssüchtig.

Ein neuer Adel aus korrupten Politikern, Zeitungszaren, Medienmogule, Modezaren, Salonkommunisten  usw. hält schützend die Hand über sie. Die Rokokozeit und die Postmoderne, die als „Postdemokratie“ bereits wieder gefährliche feudale Tendenzen, wie Erbpfründe  und eine neue Form von „Leibeigenschaft“ genannt „Firmenphilosophie“ aufweist  haben viele Parallelen. Auf den Sexpartys treibt ein sozialistischer Widergänger von Marquise de Sade sein Unwesen, während gleichzeitig schwache und konfliktscheue Männer vor kleinen aber lautstarken Zicken in die Knie gehen.  Ebenso zeichnet sich wie zu Rousseaus Zeiten am Horizont ein gefährlicher Sturm ab, der die westlichen Industrienationen, mit ihrem dekadenten Geldadel und morbiden Bildungseliten genau in Bedrängnis bringt und zu einer Art Lust am Untergang verleitet wie die Rokokogesellschaft am Vorabend der Französischen Revolution.

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