Kein Bewunderer, sondern Provokateur

Kein Bewunderer, sondern Provokateur

Der Schottische Junker  hat die gutgemeinten und gleichzeitig naiven Ratschläge seines Mentors zu keiner Zeit seines Lebens befolgt. In einem Brief aus Italien schreibt er sehr provokant von seinen Liebesabenteuern.

„Angesteckt von diesem süßen Wahn, gab ich mich ohne Selbstvorwürfe und in größter Heiterkeit den Verlockungen der freien Liebe hin“.

 Im „Swinging Florenz“ würde man heute sagen. Die Frage ist, warum schreibt er solche pikanten Dinge einem impotenten Kranken? Welche Grausamkeit! Sieht er in Rousseau einen Art sittenstrengen Übervater, den er erniedrigen und niederringen muß, wie übrigens auch seinen leiblichen, mit dem er nach eigenen Worten „nicht gut auskommt“?

Unter diesem Aspekt erscheint sein Besuch bei Rousseau in einem ganz anderen Licht und läßt auch die Affäre mit Therese unter einem ganz anderen Licht erscheinen. Boswell kommt nicht als demütiger Schüler nach Motiers. Er wollte dem großen Meister eine Lektion erteilen. Ihn mit heiklen Fragen provozieren, ihn herausfordern und am Ende von seinem Sockel stürzen. Und der schwächste Punkt im Leben von Rousseau war dessen Impotenz und seine vernachlässigte Lebensgefährtin.

Auf der anderen Seite stehen viele Fragen unbeantwortet im Raum: Wie kann ein solcher Krüppel an Leib und Seele den erfolgreichsten Liebesroman seiner Zeit veröffentlichen?

Wieso schreibt einer, der seine fünf Kinder im Findelhaus abgibt, das erste Buch über Kindererziehung?

Wieso wird einer, der das gesellschaftliche System in bahnbrechenden Werken in Frage stellt, vom Adel hofiert. Könige reißen sich darum, dem Revolutionär Asyl zu gewähren. Und er, der kleine Boswell, kann noch so viele Affären beginnen, noch so viele Bücklinge vor Fürsten machen; er bleibt nichts weiter als ein kleiner Koffer- und Wasserträger für die Großen. Für David Hume, Dr. Jonson und im vorliegenden Falle auch für Rousseau.

Wieso besteht das Werk eines Abenteurers und Frauenhelden aus größtenteils oberflächlichen, flüchtigen Notizen, während eine unerfüllte Liebe den Asketen zu einem Roman und der Anblick eines Wasserfalles zu einer nie da gewesenen Naturpoesie inspiriert?.

Es ist eine Art Haßliebe, eine merkwürdige Melange aus Verachtung, Bewunderung, Neid und vielleicht auch Mitleid, die Boswell und Rousseau verbinden. Was sucht ein Epikurer bei einem Stoiker? Welche Ratschläge kann ein Asket einem Orgiasten erteilen?

Die Ironie des Schicksals wollte es, daß Rousseaus Frage: „Wollen sie eine Leiche sein?“  am Ende zu Boswells Ungunsten entschieden wird. Der zynische Weiberheld stirbt 1795 nur 55jährig an den Spätfolgen einer Geschlechtskrankheit.

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