Lebenslüge als Prinzip

Lebenslüge als Prinzip

Rousseaus Kindheit offenbart noch weitere Abgründe. Die zärtliche Umarmung des Vaters ist nur ein Spalt, dem der eigentliche Höllenschlund folgt. Issak hat seine Frau kurz nach der Geburt des ersten Kindes für sechs Jahre verlassen, um im fernen Konstantinopel am Hofe des Sultans als Uhrmacher zu arbeiten. „Techniktransfer“ würde man heute dazu sagen. In Wahrheit Anzeichen hysterischen Verhaltens. Issak flieht aus der Beziehung in die Ferne. Als er wieder auftaucht ist sein erster Sohn bereits im Schulkindalter. Verdächtiger weise widmet der sonst so Detail besessene Chronist, diesem, für das Familiendrama so wichtige Ereignis nur einen einzigen lapidaren Satz.  Für den Bruder Franz  bleibt der Vater ein Fremder, der sich bald als ungerechtes Scheusal entpuppt. Ein Familienschicksal, dass an die Deutschen Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft denken lässt.  Nach wenigen Jahren  wird Isaak zum prügelnden Ungeheuer, der seine ganze Liebe nur noch Jean Jacques schenkt.  Summa Summarum dauert die eigentliche „Beziehung“ von Rousseaus Eltern genau so lang wie zwei Schwangerschaften. Als Isaak von seiner „Auslandskarriere“ zurückkehrt, ist seine „geliebte“ Suzanne fast 39 Jahre alt. Selbst nach dem Entwicklungsstand der heutigen  Entbindungsmedizin ist die Tochter einer angesehnen Genfer Familie  mit Jean-Jacques eine Risikoschwangerschaft eingegangen. Der späte Kinderwunsch gleicht einem Roulettspiel, mit einer fünfzigprozentigen Gewinnchance, die am Ende gegen „full number“ zusammenschrumpft. Rousseau ist ein Zehnmonatskind, dessen Überlebenschancen gleichfalls gering sind.

Bereits die Vorgeschichte dieser Ehe, die Rousseau zur „Liebesheirat“ deklariert, wirft viele Fragen auf. Warum heiraten die beiden erst mit dreißig Jahren – für damalige Verhältnisse mit entsprechender Lebenserwartung  viel zu alt –  wo sie doch schon als Jugendliche  für einander schwärmten? Rousseau schreibt, dass sie sich gegenseitig einer „Prüfung ihrer Liebe“ unterzogen. In Wahrheit dürften aber die unterschiedlichen Vermögensverhältnisse der beiden Genfer Familien der Ausschlag für die späte Heirat gewesen sein. Der Calvinismus, jenes bigotte Monstrum, das vor allem den Mammon als Maß von Gottesgnade preist und mit der Moralinkeule der doppelten Moral Tür und Tor öffnet, hat bereits in Rousseaus pränataler Geschichte breite Schneisen der Verwüstung hinterlassen.  Um so merkwürdiger mutet die Tatsache an, dass Isaak, endlich am Ziel seiner Wünsche die „große Liebe seines Lebens“ für viele Jahre verlässt. Alles wegen schnöden Mammons oder gar, um sich in der Fremde endlich die Hörner gehörig abzustoßen? (Wobei für letzteres die islamische Türkei sicherlich ein denkbar ungeeigneter Ort gewesen wäre) Ob Issak jemals in Konstantinopel gewesen ist, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander. Auch die Herkunft der Mutter – laut Rousseau eine  „Pfarrerstochter“ erschüttert den Wahrheitsgehalt der Bekenntnisse. Sie ist nur die Nichte eines Pfarrers, was ihre Herkunft als reiche Genfer Bildungsbürgerin  freilich nicht schmälert. Offenbar legt Rousseau großen Wert darauf, in direkter Linie von calvinistischen Pfarrern abzustammen.

Dies ist eines von vielen Beispielen, wie Rousseau aus reinem Selbstschutz sich selbst und andere belügt, oder die Lügen, die man ihm erzählt unreflektiert übernimmt, pathetisch verklärt und ausschmückt, bis sie so plausibel klingen, dass er sie am Ende selbst glaubt. In dieser Hinsicht folgt er dem Vater auf den Fuß. Isaak ist der Prototyp des schizoiden Hysterikers, der von einer Lebenslüge in die nächste stolpert und dabei viel Unheil anrichtet. Auch er flüchtet in die Rolle des tragischen Romantikers. Er deklariert seine stiefmütterliche behandelte Frau zur Hausheiligen und Ikone,  schreibt romantische Ferse und mimt in einem melodramatischen Zimmertheater den traurigen verhinderten Bohemien.  Später  lässt er auch seinen jüngeren, über Alles geliebten Sohn fallen wie eine heiße Kartoffel. Jean Jacques war nichts weiter als ein lebendes Instrument um den Narzismus des Alten zu befriedigen. Echte Liebe, zu der auch Verantwortung zählt, lässt seine hysterische Persönlichkeit, die sich vor allem durch Eitelkeit, Jähzorn und falschen Stolz auszeichnete erst gar nicht aufkommen.

Unter diesen Umständen hat das theatralische Trauerspiel des Vaters beinah den Charakter eines Schmierentheaters. Die Tränen gleichen denen eines Schauspielers, der ganz in der Rolle eines tragischen aber schlecht gespielten Ibsen Dramas  auf geht.

Isaak spielt die Rolle des trauernden Witwers. Rousseau lernt  das Leben nicht in realen Formen, sondern als Schauspiel, als Bühne kennen. Die „Drehbücher“ für diese falsche Gefühlsgaukelei übernimmt der Uhrmacher den Romanen seiner verstorbenen Ehefrau.  Jean Jacques schlüpft in die Rolle der Mama, und er spielt sie so gut, dass sich der Vater am Ende wie ein Kind vorkommt. Theater, und dazu gehört auch die Tragödie, sind frühe Formen von Konfliktverarbeitung. Am Ende steht die Katharsis, die von Schuld und Angst befreit und dem Leben wieder einen Sinn geben soll. Isaaks heraufbeschworene Gefühlsausbrüche sind jedoch nichts anderes als stereotype Rituale um sich von der real existierenden Schuld am Tod seiner Frau rein zu waschen. Statt sich gründlich mit dem Unglück und deren Ursachen auseinanderzusetzen, vergrößert er die Tragödie, in dem er Jean-Jacques zum Kronprinz und  Ersatzpartnerin kürt, zum gleichwertigen Gesprächspartner aufbaut, während er seine Erstgeburt übel misshandelt und in eine Besserungsanstalt steckt.

Es mutet wie ein schlechter Treppenwitz an, dass ausgerechnet der Schüler und angehende Großmeister der Selbstinszenierung und Schauspieler in eigener Sache wie ein kleiner wütender Spießer das „Theater als Kunstform“ in Bausch und Bogen verdammt und sich mit seinen lächerlichen Tiraden auf die Seite strenger calvinistischer Moralapostel stellt, wenn er später sinngemäß schreibt:

Ein Theater hat in Genf nicht zu suchen, da es keine Schule der Sittlichkeit ist.

Beim Trauerspiel wird der Zuschauer nur angeregt über erdichtete leiden Tränen zu vergießen.

Die Kömodie warne nicht vor schlechtem, sondern höchstens vor der Lächerlichkeit

Als Voltaire versucht in Genf eine Spielbühne zu etablieren rastet Rousseau endgültig aus und schreibt:

„Sie haben Genf für das Asyl, das Sie dort fanden ins Verderben gestürzt…

Mit diesen haltlosen Plattetüden setzt sich Rousseau selbst zwischen die Stühle. Keine drei Jahre später werden Voltaire in unheiliger Allianz mit den calvinistischen Moralaposteln gemeinsam auf den „Eremiten- Darsteller“ eindreschen.

Doch nun zurück zu Rousseaus „Privatbühne“, deren morsche Bretter zu keiner Zeit „eine Schule der Sittlichkeit“ waren, sondern nur ein blitzsauberes Parkett für Verlogenheit und doppelte Moral.

Franz ist der eigentliche Verlierer dieses Familiendramas. Rousseaus Mutter ist eine verklärte Kopfgeburt, die in Erinnerungen und Nachlässen weiterlebt, aber nie ein echtes authentisches Verlustgefühl erzeugt, weil sie eigentlich für ihn nie existiert hat. Franz dagegen hat die einzige Bezugsperson seines Lebens verloren. Franz ist das Kind einer allein erziehenden Mutter. Ihr Tod – ausgelöst durch Jean Jacques Geburt – hat ihn zum Vollwaisen gemacht. Er schließt seine Uhrmacherlehre nicht ab und beginnt ein unstetes Wanderleben. Seine Spuren verlieren sich in der Gegend von Freiburg im Breisgau. Dass er seinem Leben gewaltsam ein Ende setzte oder an Entkräftung starb, ist nicht auszuschließen. In einer pathetisch angelegten Episode beschreibt Rousseau wie er den Bruder vor den Schlägen des Vaters schützte. Diese herzergreifende Szene hat bereits  Moreau Le Jeune, Rousseaus „Hauskünstler“ in einem Kupferstich festgehalten.  Wie wenig Gefühle Rousseau  wirklich für seinen älteren Bruder aufbringt, erfährt man ein paar Zeilen später. Franz trauriges Ende ist eine Lappalie, an der er selbst Schuld trägt.

„Er geriet endlich auf so schlechte Wege, dass er entfloh und völlig verschwand.“

Um diese Verhalten zu erklären setzt er in seinem Zynismus noch einen drauf:

„Wenn jener arme Bursche nachlässig erzogen wurde, so erging es seinem Bruder nicht so.“

An diesem, vor Gefühlskälte strotzenden  Satz, ist nicht nur bemerkenswert, dass Rousseau von sich in der dritten Person schreibt, sondern auch indirekt seine verstorbene Mutter für die nachlässige Erziehung verantwortlicht macht. Gleichzeitig verklärt er seinen Vater zum „Supererzieher“, der ihm die Tore der Weltliteratur geöffnet hat. Dass sein Vater am Verschwinden und wahrscheinlich auch Tod des älteren Sohnes eine gewaltige Mitschuld trägt, dass Rousseaus Bevorzugung wahrscheinlich maßgeblich an der negativen Entwicklung des älteren Bruders beteiligt war, wird geschickt verdrängt. Franz ist der tumbe, faule Cretin, Jean-Jacques der hochbegabte sensible kleine Intellektuelle, der als Zehnjähriger  bereits  Ovid, Plutarch und Moliere gelesen hat und mit dem Vater darüber parlieren kann.  Die Wahrheit ist für einen Schizoiden, der deutliche Anzeichen von Alexithymie trägt, unerträglich. Rousseaus Gefühle – in diesem Fall Schuldgefühle – werden nach väterlicher Manier bei Seite geschoben. An ihre Stelle treten Metaphern, geschwätzige Worthülsen, Lügengespinste, theatralische Inszenierungen, der ganze Apparat den ein paranoider Hysteriker aufzuweisen hat um das „Publikum“, die Leserschaft von seiner Lauterkeit zu überzeugen. Um seiner Aufrichtigkeit Nachdruck zu verleihen streift der Protagonist nicht selten himmlische Sphären und verfällt dabei in peinliche Plattetüden:

„Von allen Gaben, die mir der Himmel verliehen hatte, war ein gefühlvolles Herz das einzige, was sie mir ließen…“

Wenn der Urheber solcher Sätze später mit der gewohnten Gefühlskälte  über das Schicksal seiner „eigenen Kinder“ berichtet, die nicht einmal Namen besitzen, und deren Anzahl bis heute umstritten ist – so zeigt dies nur, wie wenig ihm die eigenen Widersprüche bewusst waren, wie weit seine Bewusstseinsspaltung und Verdrängung fortgeschritten war.

Die Bekenntnisse sind vor allem ein Krankenbericht, der durch die Ereignisse während der Exilzeit 1763 in Motiers ausgelöst wird, als die dicke Mauer des Verdrängungskünstlers die ersten starken Risse bekam und der Leidensdruck für den damals 52jährigen unerträglich wird. Rousseau ist seit zehn Jahren teilweise impotent, hat jeglichen sexuellen Kontakt zu seiner Lebenspartnerin eingestellt und frönt der Onanie. Er hat in Paris und Amsterdam zwei „Bücherbomben“ gezündet und ist vor ihren Druckwellen in die Schweiz geflüchtet. Dort hat er sich eingegraben, während von allen Seiten das Trommelfeuer der Feinde, allen voran Voltaire, auf ihn einprasselt. Der größte Feind aber rumort in ihm selbst. Es sind die bis dato unverarbeiteten Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend, die Umstände seines kometenhaften Aufstiegs aber auch der hohe Preis den er dafür bezahlt hat. Sein Briefroman „Neue Heloise“ ist ein Welterfolg geworden, aber zu Grunde liegen ihm das katastrophale Ende einer unerfüllten Liebe und jede Menge Intrigen, die mit dem unglücklichen Ereignis verbunden waren. Rousseau  Erfolge sind stets mit zwei  großen Hypotheken verbunden: Neid und Feindschaft…

Wenn sich schreckliche Dinge in der Seele eines Menschen angestaut haben, so bedarf  es nicht unbedingt eines weiteren großen schrecklichen Ereignisses – wie etwa ein Sterbefall, Trennung, wirtschaftlicher Ruin –  um einen Zusammenbruch einzuleiten. Manchmal sind es kleine Dinge mit symbolischer Tragweite, die eine Kette von Traumata auslösen. Nietzsches Zusammenbruch in Turin ist auf ein malträtiertes Pferd zurückzuführen. Hölderlins Geistige- Umnachtung, vermutlich durch einen Sonnenstich während einer fluchtartigen, strapaziösen Wanderschaft von Frankreich nach Deutschland. Rousseau steht in Motiers ähnliches bevor, aber bevor die Flut unverarbeiteter Psychosen, Neurosen und schizoider Verdrängung wie eine Sintflut über ihn hereinbricht öffnet er lieber selbst die Schleusen. Auslöser für diesen Vorgang ist vermutlich ein junger Schotte, der wie aus dem Nichts, vergleichbar mit Mefistos Pudel auf Rousseaus Bühne erscheint. JAMES BOSWELL, Globetrotter aus London, nach Paris der zweitgrößte Swinger-Club Europas.  Er bringt Rousseaus Fass zum Überlaufen, zwingt den Altmeister sich mit der Vergangenheit, vor allen mit seinen Schwächen auseinanderzusetzen.

James Boswell wirkt auf Rousseau, vorsichtig ausgedrückt, wie ein Antipode. In Wahrheit gehört er zu jenen Menschen, die der Meister eigentlich am meisten hasst: Zu den „Wüstlingen“. Dass er ihn überhaupt empfängt ist ein Wunder. Oder hat ihn am Ende jemand anderes „herein gelassen“? Die beiden letzten Worte sind bewusst in Anführungszeichen gesetzt und durchaus doppeldeutig gemeint. Hat am Ende erst der Besuch Boswells Rousseaus chronischen Ekel vor „Wüstlingen“ so richtig angeheizt? Man bedenke, dass die Bekenntnisse erst nach dem Besuch Boswells geschrieben werden. Dass unmittelbare Ereignisse den gesamten Duktus des Werkes beeinflussen, ist keine aus der Luft gegriffene Hypothese. Auch wenn Rousseau  über die Vergangenheit schreibt, so hat er doch immer die Gegenwart vor Augen. Gegenwart heißt, den Wüstling Boswell, der nichts anbrennen lässt.

Geist und Sinnenfreude – und dazu gehört vor allem Sexualität – sind für den Schotten kein Widerspruch. Sein Wahlspruch lautet „Erkenne dich selbst“. Auch er betreibt Biografiearbeit. Exakt seit November 1762. Rousseau hat noch nicht einmal damit angefangen, obwohl er sich seit längerem schon mit dem Gedanken eines biografischen Werkes herumschlägt. Der gerade mal 24jährige ist dem Altmeister auch in anderen Dingen voraus. Für ihn gibt es keine „unerfüllte Liebe“. Was er haben will, das bekommt er. Nur der Ruhm fehlt ihm noch. Den wiederum hat der andere gerade durch seine verkorkste Sexualität erworben, ist sie doch gleichzeitig sprudelnder Quell einer unerschöpflichen Inspiration. So stehen sie sich denn gegenüber. Der junge aufgedonnerte Schnösel, englischer Dandy, schottischer Abstammung mit „scharlachrotem Rock, Goldborte, Hosen aus Buckskin und Stiefel. Dazu einen Überrock aus grünen Kamlot mit Fuchspelz gefüttert, Kragen und Ärmelaufschläge ebenfalls aus Pelzbesatz, unter dem Arm einen Hut mit massiver Goldtresse…“

… „und der sanfte, schwarzgekleidete Mann in der Tracht eines Armeniers.“ (Journal 3. 12. 1764)

Zuvor hat er sich mit THERESE LEVASSEUR, Rousseaus Lebensgefährtin und Haushälterin angefreundet und kommt zu dem Ergebnis das sie ein „kleines munteres, adrettes französisches Frauenzimmer ist, vor dem er keine Angst zu haben braucht“…

Dass die beiden nicht nur „keine Angst“ voreinander haben, sondern bald starke Zuneigung für einander Empfinden liegt förmlich in der Luft…