Meister der Selbstinszenierungen

Meister der Selbstinszenierungen

Mag sein, dass ich mich mit meiner Vermutung Rousseau habe sich seine dramatischen Bühnen selbst geschaffen, ein wenig weit aus dem Fenster lehne. Möglich, dass er es nicht bewusst tat, aber dass er selbst an der Schraube drehte, die ihm Ungemach ja sogar Unheil anbrachte, und das sogar ein offener Masochismus dabei eine Rolle spielte geht auf ein, seit frühster Jugend antrainiertes Verhalten zurück. Immerhin macht der Autor der Bekenntnisse aus dieser Art von „Wollust“ keinen Hehl wenn er über die „Züchtigung“ durch die Pfarrerstochter  Lambercier, die ihn als Kind beaufsichtigte,  schreibt:

 „…denn ich hatte in dem Schmerz und sogar in der Scham eine Art Wollust empfunden, die mehr Lust als Furcht in mir zurückgelassen hatte, sie noch einmal, von derselben Hand bewirkt, zu verspüren. Da sich in alles dies wahrscheinlich eine verfrühte Regung des Geschlechtes mischte, würde mir dieselbe Züchtigung von der hand ihres Bruders sicherlich durchaus kein vergnügen bereitet haben…

…Wer möchte glauben, dass diese im achten Lebensjahr von der Hand eines dreißigjährigen Mädchens empfangene Kinderstrafe für den ganzen Rest meines Lebens meine Neigungen, meine Begierden, meine Leidenschaften bestimmt hat, und zwar in einem genau entgegengesetzten Sinne als dem, der sich natürlicher weise daraus hätte entwickeln müssen…“

Rousseau widmet dem Masochismus seiner Kindheit  und Jugend mehrere Seiten. Sein Scham, welchen er vorgibt ist Makulatur. Rousseau suhlt sich in seiner Schwäche, kokettiert mit den Sexualstörungen. Wird sie am Ende gar zum Lebensprinzip? Zum Lustprinzip? Oder gar zum Erfolgsgeheimnis!?

Der Märtyrer leidet, aber er genießt gleichzeitig die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Umgebung. Rousseau liebt die Einsamkeit- wobei er stets von Menschen umgeben ist –  aber hasst die Eintönigkeit. Wo sie sich einschleicht dreht er am Rad des Schicksals. Provoziert Konflikte, die oftmals für andere viel schmerzvoller sind, als für ihn selbst. Frühes Beispiel eines selbst heraufbeschworenen Dramas mit anschließender Selbstinszenierung ist der Diebstahl im Hause Rocca, der ein unbescholtenes Dienstmädchen ins Unglück stürzt. Der inszenierte Bruch mit Rousseaus treuen Wandergefährten Pierre Baccle findet seine Fortsetzung im Streit mit seiner Gönnerin Marquise de Epinay. Rousseau benutzt Menschen wie Papiertaschentücher, die er nach Gebrauch wegwirft. Das fädelt er jedoch so geschickt ein, dass er am Ende als heiliges Opferlamm dasteht. Die anderen behalten die historische Arschkarte. Rousseau ist buchstäblich aus dem Schneider.

Der einzige Unterschied zu frühen Konfliktepisoden: Die Bühnen werden immer größer, das Publikum zahlreicher. Im Park von Montmorency schaut ganz Paris und Frankreich,  in Motiers  bereits die halbe Welt dem munteren Treiben des wilden Philosophen zu. Rousseau hat bereits zu Lebzeiten immer und überall an seinem Mythos gestrickt. Wie die Schauspieler und Stars von heute die Paparazis,  Skandale, Affären, Drogenexzesse, brauchen, um sich auf den Titelseiten der Regenbogenpresse  und in Talkshows wieder zu finden, so arbeitet Rousseau Tag und Nacht an der Inszenierung seiner selbst. Rousseaus Welt ist vergleichbar mit dem  Big-brother Container auf den Tag und Nacht Kameras gerichtet sind. Rousseau ist der erste der „Netzwerke“ geschickt ausnutzt auch die seiner Gegner, in dem er sie zu einer Negativpropaganda verleitet, die wiederum Verteidiger auf den Plan ruft.

Wie gut die Welt der Rokokozeit, insbesondere die Szene der Aufklärer vernetzt ist, müsste manchem Kommunikationsexperten in Erstaunen versetzen. Kaum in Motiers angekommen erreichen ihn Nachrichten aus Bern, das man in der Hauptstadt der Eidgenossen bereits die Messer gegen ihn wetzt. Wie das? War seine Flucht bei Nacht und Nebel nur eine Farce? In den Bekenntnissen findet man die Antwort warum der Grenzübertritt in die Schweiz nicht unbemerkt bleiben konnte. Gleichzeitig ein schönes Beispiel für Rousseaus gekonnte Selbstinszenierung. Doch lassen wir den Meister früher PR selbst sprechen:

 „Als ich ins Berner Gebiet kam, ließ ich anhalten, stieg aus, warf mich auf den Boden, umarmte und küsste die Erde und rief in meinem Überschwange aus: „Oh Himmel , du Schirmvogt der Tugend, ich preise dich mein Fuß betritt freies Land“

(Tom Gerhard hat in „Ballermann“ diese Szene in eine herrliche Parodie umgewandelt) Rousseau selbst covert bei Cäsar, mit dem er nicht nur das Sternzeichen – sogar das Chinesische – gemeinsam hat. Rousseau ist nicht der kleine, kränkliche aufmüpfige Dichter, der in Ungnade gefallen, sich im Schweizer Mauseloch verkriecht. Er ist inzwischen Politiker, ein politischer Emigrant, ein Exilpolitiker, ein Feldherr freiheitlichen Geistes. Seine Waffe ist schärfer als der gefürchtete „Schweizer Degen“. Es ist die Feder. Solche Leute verkriechen sich nicht. Sie weichen nur auf Nachbarländer aus und spinnen dort weiter ihre Fäden, ziehen ihre Drähte, führen einen Schattenkrieg vom Schreibtisch aus. So wie später Madame de Stael in Koblenz, Lenin in Zürich, Arafat in Tunis, Chomeni in Paris, um nur einige prominente Beispiele zu nennen.

Schon bald gleicht Rousseaus Bauernhaus einer „Einmannexilregierung“. Kuriere gehen ein und aus. Leiten Rousseaus Briefe in alle Himmelsrichtungen. Die Fangemeinde im in und Ausland wächst, ebenso die Zahl der Feinde. Seine Korrespondenz füllt Bände. Spione umschleichen das Kleinstädtchen. Die Herberge wird zum „Rousseauischen Gästehaus“, in dem sich das „Who´s Who“ der geistigen Eliten Europas die Klinke in die Hand geben. Motiers wird zum Mekka der Freidenker. Ein Marrakesch der Demokratiesüchtigen. Der Emil ist wie eine Droge. Er wird unter der Ladentheke gehandelt wie Dope. Es mutet fast wie ein Omen an, dass beide Bücherbomben zuerst im späteren Kifferparadies Holland erscheinen und nur dort legal zu erwerben sind.

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