Pikante Aufzeichnungen wurden vernichtet

Pikante Aufzeichnungen wurden vernichtet

Leider besitzen wir von dem leidenschaftlichen Liebesspiel zwischen Therese und dem jungen Boswell keine Aufzeichnungen mehr. Der junge Schotte hat welche angefertigt, die sein Nachlaßverwalter wegen seiner Anstößigkeit vernichtet hat.

Sie müssen sehr anstößig gewesen sein, denn die übrigen Beschreibungen diverser Bettszenen sind  bereits frivol genug.  Offenbar hat dieser, um Boswells Ruf besorgte Nachlaßverwalter, auch anstößige Stellen des Besuchs in Motiers getilgt.

Boswells  Tagebucheintrag im „Journal“ vom 14. 12.  Beginnt mit den Worten:

„Um acht bestieg ich mein Pferd; als Führer hatte ich einen Schmied namens Dupuis. Wir kamen am Lapidosa vorbei… Ich aber war auf dem Wege zu Rousseau – dieser Gedanke lies mir die wildesten Berge klein erscheinen.

Der Leser erfährt weder von welchem Ort Boswell aufgebrochen ist, noch ob es sich um ein mehrtägigen Ausflug handelt, der ihn wieder nach Motiers führt. Offenbar sind hier von fremder Hand Seiten entnommen worden, Seiten die über die Zeit zwischen dem fünften Und 14. Dezember Aufschluss geben könnten. Dafür spricht auch der Hinweis:

„Als ich das letzte Mal hier war hatte ich ihm (Rousseau) einen Abriß meines Lebens hinterlassen, in dem ich ihm die wichtigen Ereignisse meines Lebens und meine depressiven Zustände beschrieb.“

Der besagte Besuch bei dem er diesen Abriss dem Philosophen überreicht hat,  taucht erstaunlicher Weise nicht im Journal auf. Er könnte am siebten oder 8. Dezember stattgefunden haben.  An diesem Tag steht der Vollmond über dem Tal der Travers. Ein Umstand der bei Männern wie auch Frauen die Hormone zum Überschäumen bringt. Zudem herrschte Tauwetter. Wahrscheinlich ausgelöst durch einen Föneinbruch. „Das Tal war überschwemmt“. Warm genug also, um sich, wenn es sein musste, heimlich mit Therese in irgend einem Heuschober zu treffen. Stiche aus der Zeit um 1760  zeigen, dass die beiden für ihr Stelldichein im Mondschein keine weite Strecke zurücklegen brauchten.

Eine Fußnote, der leider vergriffenen Reclamausgabe des Journals, bezeichnet das Verhältnis als „bizarr“.  Diese Abwertung  ist blanker Unsinn, ebenso wie die Behauptung, die erfahrene Französin hätte dem stürmischen Schotten erst ein paar Lehrstunden erteilen müssen. Dass  junge Intellektuelle mit reiferen Frauen Verhältnisse eingehen, ist im 18. Und auch Anfang des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit. Herausragendes Beispiel ist George Sand, die mit dem jungen de Musset, und Chopin ebenfalls Liebhaber hat, die ihrem Alter kaum entsprechen.  Auch Madame de Stael heiratet kurz vor ihrem Tode den weitaus jüngeren Offizier John de Rocca. Der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte findet sein Lebensglück bei der älteren Johanna Rahn, von der er stolz sagte: daß sie „ihn zum Kinde gemacht“ habe. Clara Schuhmann liebt den jungen Brams. Die „Schlegelin“ betrügt ihren Mann mit dem 17 Jahre jüngeren Schelling. Davor hat sie ein Verhältnis mit einem 19jährigen französischen Offizier. Mütterliche Geliebte stehen in einer Zeit ohne „Zickenterror“ und „Diätenwahn“ hoch im Kurs.

Dass diese reifen Schönheiten, die sich zu ihrer Weiblichkeit bekennen und fast alle Kinder haben, keinesfalls schwach waren, ist erwiesen. Therese gibt nach Rousseaus Tod die Bekenntnisse heraus, erstreitet sich das Urheberrecht für das Gesamtwerk. Möglicherweise unterschlägt sie sogar Teile des Manuskriptes in dem der Philosoph sich in allen Einzelheiten über ihre Fehltritte mit Boswell und vielleicht sogar mit Diderot beklagt. Auffallend ist, daß Rousseau immer wieder, wie erwähnt zu einem Schlag gegen Therese ausholt, dann aber doch im letzten Moment entmutigt die Hand bzw. die Feder sinken läßt, als ob er sie schonen will. Vielleicht aber auch in dem Bewusstsein, daß ihre Eskapaden  nicht das aufwiegen, was er ihr und vor allem ihren Kindern angetan hat. Rousseaus Umgang mit Schuldgefühlen ist dem Leser inzwischen hinreichend bekannt.  Sicherlich hätte ihn die öffentlich hinaus posaunte Hahnreischaft im sinnenfrohen Rokoko noch mehr zum Gespött der Leute gemacht, ist doch das, was er über seinen Ekel und seine Sexualfeindlichkeit schreibt schon peinlich genug.

So bleibt ihm nichts anderes übrig, wie ein penibler Oberlehrer nach kleinen Fehlern zu suchen, die, nach genauerer Betrachtung widersprüchlich, wenn nicht gar lächerlich wirken.  Dass Therese schreiben aber nicht lesen konnte – nicht einmal die Ziffer der Turmuhr – ist blanker Unsinn und hat eine einfache Erklärung. Sie ist  kurzsichtig. Dafür spricht auch ihr „lebhafter und doch sanfter Blick“. Auf ihrem Altersbild scheint sie sogar ein wenig zu schielen. Ihre Augen wirken ein wenig glasig. Sie hat einen leichten Silberblick. Wie übrigens auch Comtesse Houdetot.

Dadurch fällt ihr das Lesen wesentlich schwerer als das Schreiben. Ihre eigene Schrift besteht vornehmlich aus Druckbuchstaben. Dass sie Rousseaus kleine, schräge, und oftmals auch enge Handschrift nur mühsam entziffern kann, ist sicherlich nicht ihrer Dummheit zuzuschreiben, sondern Folgen ihres Sehfehlers. Sie hat dieses Manko wahrscheinlich dadurch auszugleichen versucht, in dem sie ihre Pupillen schnell bewegte. Es ist unschwer zu erraten, daß eine solche leichte Behinderung keinesfalls als Schönheitsfehler angesehen wurde, sondern im Gegenteil sowohl Begehren als auch Beschützerinstinkte hervorgerufen hat.

Eine mannstolle Femme fatale, wie sie in  Feuchtwangers Roman „Der Narr auf dem Hügel“ beschrieben wird, ist die gute Seele sicherlich nicht gewesen, aber ebenso wenig eine keusche Nonne, wie uns Julius Wille weismachen will. Sein Machwerk, das ganz den Rousseauischen Wahrnehmungsstörungen folgt, ist erst in jüngster Zeit von Jean Didier Vincent abgelöst worden. Das Buch ist das leider nicht in deutscher Sprache erhältlich.  Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Eine geradezu „Postmoderne Legende“ ist das unsägliche Theaterstück von Rudolf Eggert „Therese Levasseur – Witwe Rousseau ein Leben lang“, in der die Besagte als eine Mischung aus Mutter Courage, einsame Märtyrerin  und Trauerweib erscheint, die nie über den Tod ihres geliebten Ehemannes hinwegkommt.

Fakt ist, dass sie kurz nach dem Ableben Rousseaus – die Gerüchte kreisten um Schlaganfall wegen der Untreue seiner Frau, Selbstmord und sogar Mord – mit ihrem jungen Geliebten nach Plessis Belleville umsiedelt und dort ein Leben führt, wie sie es sich vermutlich immer gewünscht hat. 23 Jahre ohne ständigen Ortswechsel und ohne kranken, hypochondrischen, schizoiden Ehemann.

Ihre schwierige Beziehung zum bedeutendsten französischen Philosophen des 18.Jahrhundert macht Therese Levasseur allerdings bereits zu Lebzeiten zu einer umstrittenen Persönlichkeit. Madame de Stael nennt sie „dumm, geschwätzig und verlogen“. Dumm war sie gewiß nicht. Dass sie gerne geredet hat  und dabei auch sehr kontaktfreudig ist, darf man ihr nicht als Geschwätzigkeit auslegen. Gelogen hat sie mit Sicherheit, und das von klein auf, sonst hätte sie in dieser Schlangengrube zwischen all den Intriganten, Neidern und Beutelschneidern des französischen Rokokos keine Stunde überlebt. Auch Boswell hat sie angelogen und ihm weismachen wollen, sie würde nach Rousseaus Tod ins Kloster gehen. Wenn das der Meister gehört hätte.  Das sie nicht einmal mit der Königin von Frankreich getauscht hätte, entspricht allerdings der Wahrheit. Am Hofe Ludwigs hätte sie sich zu Tode gelangweilt.  Sie ist zur jeder Zeit der Prominenz ihres Lebenspartners bewusst. Auch die Freiheit, die er ihr einräumt wird sie genossen haben.

Ungeachtet aller Widrigkeiten und böser Zungen ist auch sie bereits zu Lebzeiten zu einer Legende geworden. Nach dem Vorbild von Rousseau und Therese haben sich seitdem viele Intellektuelle mit Mädchen aus einfachen Verhältnissen zusammengetan. Mehr oder weniger glücklich, aber garantiert inspirierend. Goethe mit Christiane Vulpius, Heinrich Heine mit seiner Mathilde, Lichtenberg mit dem Blumenmädchen „Sterchardin“, Baudelaire mit der Mulattin Jeanne Duval., Adalbert Stifter mit der „geistig zu auffallend unter ihm stehenden“ Friseuse Amalie Mohaupt (Bertelsmann Literaturlexikon) Therese Levasseur ist in gewisses Weise die Mutter dieser „Literatenbräute“ aus einfachen Verhältnissen.

Auch James Boswell schwebt als Idealpartnerin ein „einfaches Stubenmädchen“ eine „gute Haushälterin“ und „Landpomeranze“ vor. Alle drei Frauentypen waren in Therese vereint. Geheiratet hat der Lebemann schließlich seine Cousine.  So kehrte der große Boheme und Weltenbummler am Ende wieder in seine provinzielle Enge seiner schottischen Heimat zurück. Heim in die väterliche Welt der lästigen Verpflichtungen, die ihn am Ende zermürbten, während die Ideen des impotenten, von ihm  verachteten Moralapostels einen revolutionären Sturm entfachten, der selbst das Empire in seinen Grundfesten erschütterte. Am Ende ist der Landjunker einsamer und verbitterter wie Rousseau, ohne jedoch zu Lebzeiten irgendwelchen nennenswert Ruhm für sich beanspruchen zu können.

Am Ende seines Lebens ist er „eine Leiche“. Der Wunsch „Rousseau im Himmel wieder zutreffen“, wie es in seinem Memorandum beschwört, ist trotz greifbarer Nähe des selben in weite Ferne gerückt. Den „dünnen Faden“, mit dem er „mit dem aufgeklärtesten Philosophen, der erhabensten aller Seelen“ hoffte „verbunden zu sein“, hatte er bereits in Motiers durchtrennt. Samenfäden sind nicht immer dazu geeignet Männer zu verbinden. Erst recht nicht einen Mann wie Rousseau, der über diesen Körpersaft schrieb:

 „ plötzlich sah ich etwas klebriges, weißliches, vor dem mir übel wurde… und ich war nahe dran ohnmächtig zu werden“.