Rousseau Superstar

Rousseau Superstar

Rousseau fällt der Erfolg buchstäblich in den Schoß. Was für die Musikwelt gilt, gilt erst recht für die Philosophie. Rousseaus geisteswissenschaftlicher Horizont ist so hoch und breit wie der Bücherschrank seiner „Mama“. Im Landhaus Charmette, in Chambery wo er mit der Warens zwischen 1734 und  1738 ein paar unbeschwerte Jahre verbringt, kann man ihn heute wieder besichtigen. Was da auf drei oder vier Regalbrettern zu sehen ist,  erfüllt gerade so den rudimentären Ansprüchen des damaligen Bildungsbürgertums. Interessant ist, dass Rousseau die Grundlagen seiner Bildung durch weibliche Einflüsse erfährt. Mit den Büchern seiner Verstorbenen Mutter – französische Romane – lernt Rousseau Lesen und schreiben. Durch den Fundus der Warens  bekommt er Zugang zu klassischen Philosophen. Doch die Warens ist keine Amalie. Chambery ist nicht Weimar. Rousseau ist daher  kein Gelehrter der mit akademischen Graden eine Universität verlässt, wie etwa Kant, Fichte, Goethe, Hume und Locke. Er ist der klassische Autodidakt.  Seine Geburtsstunde als Philosoph gleicht eher der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“.

Die Akademie von Dijon veranstaltet eine Ausschreibung. „Macht der Fortschritt den Menschen besser oder schlechter?“  fragen die Provinzphilosophen den Rest der Grande Nation. Jeder kann mitmachen. (dagegen sind die heutigen Unibetriebe vor Arroganz strotzende Bildungskasten) Rousseau schildert später die Umstände seiner Berufung zum Philosophen –  ein weggeworfener Zeitungsartikel mit der Ausschreibung und deren blitzartige Eingebung – wie ein „Damaskuserlebnis“.

Und wieder landet er einen Hit. „Nein, natürlich nicht!!!!“ ist seine Antwort. Die Dampfmaschine, exakt so alt wie Rousseau,  ist  gerade mal 38 Jahre in Betrieb, die Beherrschung  von Elektrizität steckt   in den Kinderschuhen, die Brüder Montgolfier sind Kinder, die statt bemannter Heißluftballons Papierdrachen steigen lassen – da weiß  Rousseau bereits wohin das alles führt und wie das alles endet. Die moderne Zivilisation ist noch nicht erfunden, da wird sie schon von Rousseau in Bausch und Bogen verdammt. Die Antwort fällt förmlich vom Himmel herab. Dass ihm wenige Jahre später ein Medikus – sogar katholischer Kleriker – mit Hilfe neu entwickelter, fortschrittlicher Techniken, einem Katheder das Leben rettet, stört den Hypochonder nicht im geringsten.  Rousseau ist der erste Zivilisationskritiker. Er hat sein Thema gefunden. So wie Freud den Sexualtrieb, C. G. Jung die Archetypen und Nietzsche den gottlosen Übermenschen.   Seitdem ist Zivilisationskritik und „Zurück zur Natur“ untrennbar mit dem Namen Rousseau verknüpft.

Um dies auch optisch zu unterstreichen und sich als „Prophet“ aller zukünftigen „Aussteiger“ zu präsentieren umgibt sich der „wilde Philosoph“ mit dem Nimbus des Waldmenschen, Einsiedlers und Naturburschen. Doch all diese Anstrengungen entpuppen sich nach genauerem Hinsehen als Etikettenschwindel – oder um im Terminus der Rokokozeit zu bleiben – als Staffage. Die Waldhütte in welchem der „Bär“ – so nennt ihn eine seiner adligen Mäzene –  haust, ist ein Gartenhaus. Die wilde Natur ein Landschaftspark. Heute wie damals liegen Rousseaus Behausungen in der Nähe von Schlössern und größeren Ansiedlungen. Drei davon allein im Großraum Paris.

1761 mimt Rousseau mit seinem Bestseller „Die neue Heloise“ ein schmachtender Rokoko-Brief-Roman noch einmal den harmlosen Tanzbär im Staffage-Park seiner adligen Gönner, beschwört die Natur, die er auf seinen Wanderungen durch die Schweiz und Frankreich aus nächster Nähe – nicht durch die Glasscheiben einer Kutsche – erlebt und lieben gelernt hat. Aber dann fährt er die Krallen aus: „Der Gesellschaftsvertrag“, der die Existenzberechtigung des absolutistischen Adels in Frage stellt  und eine demokratische Gesellschaft einfordert erscheint in Amsterdam.  Rousseaus demokratisches Naturkind „Emil“, Vorläufer aller Waldorff Odenwald Montessori und Summerhill-Zöglinge in der lasterhaften Millionenmetropole Paris, wo man den Geburtenüberschuss wie menschlichen Müll im Findelhaus entsorgt. Eine weitere Ausgabe des pädagogischen Pionierwerkes wird in Amsterdam aufgelegt.

Die drei „Bücherbomben“ gehen zeitgleich hoch. Ihre Detonation ist deshalb so gewaltig, weil in ihnen eine Abhandlung über Religion als „Brandbeschleuniger“ eingebaut ist. Der im Gesellschaftsvertrag als „Zivilreligion“ angelegte Artikel  liest sich so:

Heute, wo es eine ausschließliche Staatsreligion nicht mehr gibt nicht geben kann, muss man alle Religionen tolerieren, die ihrerseits die anderen tolerieren, sofern ihre Dogmen nicht den Bürgerpflichten zuwiderlaufen. Jeder aber, der zu sagen wagt: „Außerhalb der Kirche liegt kein Heil!“ gehört aus dem Staate verstoßen – es sei denn, der Staat wäre die Kirche und der Fürst der Pontifex. Ein solches Dogma ist nur in einer theokratischen Regierung am Platze; in jeder anderen bringt es Verderben.

Eine andere Abhandlung, die mit dem Begriff „Natürliche Religion“ überschrieben ist krönt das Erziehungswerk „Emil“. Dies sind Rousseaus eigentlicher Zünder. In diesen wenigen Seiten liegt mehr Sprengstoff, als in den Werken selbst. Die Durchschlagskraft der Bomben erhöht sich noch zusätzlich durch Rousseaus prominenten Namen. Experten sind sich heute weitgehend einig: Hätte er die kritischen Bücher, wie damals üblich unter einem Pseudonym herausgegeben, wäre die Wirkung erheblich schwächer gewesen. So kommt es zum Supergau.

Die Druckwellen erreichen Deutschland, samt Habsburg,  England, die Schweiz und Italien. Bekannt ist er im Ausland bereits durch seinen Bestseller Heloise. Nun wird er berühmt, besser gesagt berüchtigt. Zum geistigen Brandstifter, Ketzer, Umstürzler erklärt. Sogar in Korsika, wo einheimische Rebellen den Aufstand gegen Frankreich proben, ist der Manifestschreiber ein Begriff.  Rousseau hat sich mal wieder neu erfunden. Damals wie heute neigen Potentanten dazu in solchen Situationen die Popularität der  vermeintlichen Rädelsführer durch Verfolgung zu vergrößern. Wer steckt hinter der Hetzjagd? Der König? Weit gefehlt. Kirche und Parlament haben eine unheilige Allianz geschlossen, um dem Bären das Fell über die Ohren zu ziehen.

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