Rousseaus Kindheit

Rousseaus Kindheit: Familiendrama wie aus dem Lehrbuch

Am 28. Juni 1712 findet  in Genf eine schwierige Geburt statt. Ein tragisches Ereignis. Die Mutter, wohlhabende Nichte eines calvinistischen Pfarrers, stirbt noch im Kindbett und ermöglicht ihrem Sohn eine, in der Literatur und Geistesgeschichte einmalige Kariere. Ein klassischer Opfertod. Die Mutter bezahlt mit dem Leben, der Sohn wird zum Messias der Moderne. Welch lebenslange Hypothek. Rousseau ist Zeit seines Lebens Sündenbock und gleichzeitig  Opferlamm.  Sündenbock via Geburt. Zum Opferlamm macht er sich später selbst, in dem er andere so lange provoziert, bis sie auf ihn eindreschen. Das wiederum mehrt seinen Ruhm und macht ihn zum bedeutendsten Vertreter der Französischen Aufklärung, obwohl er gleichzeitig deren größter Gegner ist. Am Ende ist er Wegbereiter der Revolution und rächt sich posthum an seinen Feinden. Rousseau ist demnach Opfer und Täter zugleich. Ein Teufelskreis, der sich wie ein Roter Faden auch durch die Lebensbeschreibung „Bekenntnisse“ des Philosophen zieht.

So schwankt der Autor ständig zwischen Selbstkasteiung, Reue, Scham und Schuldzuweisung  hin und her ohne dass die Nachwelt die wirklichen Hintergründe des „Unglücks“ erfährt, die Rousseaus Leben eigentlich ausmachen. Die Bekenntnisse gleichem einer gewaltigen Schutthalde. Man muss schon sehr genau und vor allem zwischen den Zeilen lesen, um die Wahrheit herauszufiltern. Dass nicht alles stimmt, was er schreibt, beweisen alleine die vielen Widersprüche.  Verdrängung bis hin zu schizoider Abspaltung folgen Phasen tiefgehender Selbstreflexion mit genauer Beobachtungsgabe. Fast nach dem gleichen Schema wie die Oberlehrer der Odenwaldschule, Rousseaus Erben, den sexuellen Missbrauch von Schülern mit „Betroffenheit“ analysieren, ihn aber gleichzeitig wieder verdrängen und mit verquasten intellektuellen Klimmzügen sich aus der Verantwortung stehlen. Solche Mankos sind zur Rokokozeit beinah verzeihlich, da der Urheber dieser Missgriffe gleichzeitig Neuland betritt. Terra Incognita. Im 18. Jahrhundert werden fast alle Bahn brechenden Erfindungen der modernen Zivilisation gemacht: Dampfmaschine, Verbrennungsmotor, Luftfahrzeug, U-Boot, Elektrizität, um nur die Wichtigsten zu nennen. Rousseau sucht und „erfindet“ sich ständig  selbst. Ein Kranker, der die Ursache seiner Krankheit sucht, aber im letzten Moment vor der endgültigen Erkenntnis zurückweicht. Der es nicht wagt, den letzten Schleier zu lüften. Die Psychoanalyse ist noch nicht erfunden.  Die psychologisch aufgebaute Biografiearbeit steckt noch in den Kinderschuhen. Rousseau ist quasi ihr Pionier. Rousseau bereitet die Ronantik vor. Erst sie wagt es in seelische Abgründe zu blicken, legt die Seele chirurgisch frei und experimentiert berauscht  von der Modedroge Laudanum, dem „Elixier des Teufels“  mit neuen Bewusstseinszuständen. Erst die Romantiker – unter ihnen Mary Shelley, Lord Byron, E.T.A. Hoffmann, Novalis, Alfred de Musset… werden zu Grenzgängern, die jene Fragen neu stellen, auf die die Aufklärer, allen voran die Enzyklopädisten, trotz ihrer Sammelwut und scharfer Logik keine Antwort gefunden haben. In den Reagenzgläsern der Fakultäten liegen nur Herzen und Gehirne aber keine Seelen.

In allen später entstandenen Entwicklungsromanen, angefangen vom Wilhelm Meister, Taugenichts, bis hin zu Hesses Peter Camenzind und vor allem Demian, steckt auch ein wenig Rousseau. Immer steht im Mittelpunkt ein kränkelnder, leidender Held, ein verkappter Icherzähler, der aus seinen Schwächen eine Tugend macht, die Natur liebt und zwischen Einsamkeit und Sehnsucht nach Menschen schwankt. Erst Nietzsche hat ihn überzeichnet in dem er einen Übermenschen schafft, einen einsamen Heroen, welcher freilich beim Anblick eines malträtierten Pferdes kläglich zusammenbricht. Jeder weiß, Zarathustra ist eigentlich Nietzsche. Ein seelisch und körperlich Kranker, der als Philosoph einem halben Jahrhundert den Stempel aufdrückt, und durch seinen gleichfalls kranken, größenwahnsinnigen Zauberlehrling, der ihn gründlich missversteht, indirekt einen Weltenbrand auslöst. Von der Ähnlichkeit beider Philosophen wird noch an anderen Stellen die Rede sein. Ebenso von ihren „Jüngern“.

Für Rousseaus unmittelbare Erben werden die Bekenntnisse zur Benchmark schlüpfriger Enthüllungen. Etwa für Lichtenberg, der in seinen „Sudelblättern“ frank und frei beschreibt wie er sich zusammen mit der „kleinen Stechardin“ munter einen runter holt. Angesichts ungewollter Schwangerschaften und fehlender Verhütungsmittel eine durchaus gängige Sexualpraxis.

Rousseaus biografischer Arm reicht bis in die Moderne. Selbst Moers altkluges „Kleine Arschloch“, jener geniale Pimpf, der in antiquierter schwärmerischer Barocksprache seine sexuellen Nöte aber auch Bosheiten einem Tagebuch anvertraut, ist ein, wenn auch satirisches Urenkelkind des Großmeisters peinlicher Enthüllungen. Seine  unerfüllte, bis zur Geilheit sich steigernde, verzehrende Sehnsucht nach der „Oma“ aus der Nachbarschaft, unerreichbares Ziel  maßloser kindlicher Begierde, hätte auch Rousseaus Feder entsprungen sein können. Freilich ohne dabei in das Genre der  Parodie zu verfallen.

Trotz aller Bitternis, die das unruhige Leben dem Allroundgenie abverlangte, blitzt in den Anekdoten und Szenen des Biografen  immer wieder auch Heiterkeit und Selbstironie auf. Rousseaus spätere „Traurigkeit“, die später in den „Träumerrein des einsamen Spaziergängers“ aber auch schon vielerorts in den „Bekenntnissen“ an klingen, sind nicht mit Depressionen oder einer depressiven Lebenseinstellung zu verwechseln. Sie sind vielmehr Folge einer jahrelangen Verdrängung, die bereits sehr früh die verletzliche Seele des vielseitigen Künstlers vor weiterer Verletzung bewahrt hat. Rousseaus Bruder Franz ist schon in früher Jugend an seinem jähzornigen, unberechenbaren Vater zerbrochen. Jean-Jacques hält dem seltsamen Haustyrannen stand, schlimmer noch, wird dessen Vertrauter und Verbündeter. Aber um welchen Preis?

Auf den ersten Seiten der Bekenntnisse wird eine Schlüsselszene zwischen Vater und Sohn beschrieben, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt:

… meine Geburt war mein erstes Unglück. Ich weiß nicht wie mein Vater diesen Verlust (der Mutter) ertrug, aber ich weiß, dass er ihn niemals verschmerzt hat… wenn er zu mir sagte: „Komm J.J. , wir wollen von deiner Mutter sprechen“ antwortete ich: „Ach Vater, sollen wir denn wieder weinen“. Und schon dieses Wort genügte, ihm die Tränen in die Augen zu treiben. „Ach“ rief er stöhnend, „gib sie mir wieder, tröste mich über sie, erfülle die Leere, die sie in meiner Seele zurückgelassen hat! Würde ich dich denn so lieben, wenn du nur mein Sohn wärest?“       

Ein Kind als Partnerersatz. In machen Fällen, ist dies das schrecklichste was einem Kind zustoßen kann. Fakt ist, dass Isaac seinen Sohn in gewisser weise „missbraucht“, vor allem in seelischer Hinsicht. Einerseits wird dem kleinen Rousseau große Macht zugebilligt – ein Wort genügt und schon fließen die Tränen –  anderseits steht er dem Vater auch als „Inkarnation der verstorbenen Mutter“ zur Verfügung. Issak „befriedigt“ an dem Kleinen seine Sehnsucht nach der Verstorbenen, zwar nicht in sexueller Hinsicht, aber doch so Körper betont, dass eine fast greifbare Grenzverletzung spürbar wird. In der Umarmung steckt – das liest man deutlich heraus- auch eine, wenn auch verdrängte Spur sexuellen Begehrens. Eine gefährliche Gradwanderung, die Rousseau sehr gut beobachtet und beschrieben hat:

…„Er umarmte mich niemals, ohne dass ich nicht an seinen Seufzern und den krampfhaften Druck seiner Arme fühlte, wie sich buttere Pein in seine Liebkosungen mischte; Aber sie wurden dadurch noch zärtlicher…

Der Vater überträgt nicht nur seine Liebessehnsucht auf den Sohn, er formt aus den Kleinen eine Art gebildeten „weiblichen Humunkulus“, der ihm als Kommunikationspartner und Vertrauten zur Verfügung steht. Sie lesen zusammen die Bücher, welche die gebildete Mutter hinterlassen hat. Sie lesen bis zum Morgengrauen sich abwechselnd gegenseitig vor. Bis Isaak sagt:

„Wir wollen schlafen gehen! Ich bin ein viel größeres Kind als du!“

Immerhin kritisiert Rousseau diese merkwürdige Kumpanei von Bildungsmanipulation als „gefährliche Methode“ und erkennt auch bemerkenswert scharfsinnig, worin die Gefahr einer nicht kindgemäßen Erziehung liegt:

„Ich hatte noch keine Vorstellungen von den Dingen selber, als alle Gefühle mir schon bekannt waren.

Ich hatte nichts geistig begriffen und doch alles schon empfunden. Die wirren Erregungen, die ich schlag auf Schlag durchmachte, beeinträchtigsten zwar nicht die Vernunft… aber sie bildeten eine von anderem Schlage in mir heran und gaben mir wunderliche und phantastische Vorstelllungen vom Leben…“ 

Ergo: Rousseau lernt das Leben nur durch Bücher des Vaters kennen. Das führt zu einer engen Bindung, fördert frühe Talente, entfremdet das Kind aber gleichzeitig von der übrigen realen Welt. Der kleine Jean-Jacques entwickelt sich somit zu einem altklugen „Wunderkind“ und wird bald  ein sich selbst genügenden Eigenbrödler. Die Identitätsfindung des Knaben bleibt dabei weitgehend auf der Strecke. In Rousseaus Seele entsteht kein stabiles Ego, sondern ein zweiter Vater, ein Schatten, der ihn fortan begleitet und ihm das Lebensglück  vergällt. Dieser Vater ist zusätzlich ambivalent, unberechenbar, launenhaft. Rousseau kann sich seiner Liebe nie richtig sicher sein, trotz der Zärtlichkeit, die er scheinbar empfindet. Er kann die Zärtlichkeiten des Vaters daher gar nicht genießen, sondern „analysiert“ deren Wirkung,  betrachtet in gespannter Wachheit die Ereignisse. Das Kind gerät dabei immer mehr in den Strudel eines gefährlichen Abspaltungsprozesses. Es fühlt sich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, sich mit dem Vater zu identifizieren und sich zugleich loszulösen. Es flüchtet in seinen Kopf, sucht Sicherheit in Gedankengebäuden, deren Grundsteine vom Urheber des Desasters noch gratis geliefert werden. Rousseaus scharfe Trennung zwischen sich selbst und dem Rest der Welt, die besonders dann krass zu Tage tritt, wenn er über sich  in der dritten Person schreibt, hat Auswirkungen auf das gesamte Leben und bildet die Grundlage einer schizoiden und später paranoiden Persönlichkeit.

Der Vater wird nomen est omen nur scheinbar zum guten Freund und Kameraden. Ersetzt wahrscheinlich auch den größeren Bruder mit dem Rousseau wenig anfangen kann. Franz ist Kind einer verstorbenen „Alleinerziehenden Mutter“, Jean Jacques Lieblingssohn eines „Alleinerziehenden Vaters“, der erst jetzt seine Vaterrolle, vor der er sich Jahrelang erfolgreich gedrückt hat, wahrnehmen muss. Diese Elternform ist keine Erfindung der Neuzeit. Sie hat es auch schon in der Rokokozeit gegeben. Sie wird jedoch auch heute zum ernsthaften Problem, wenn sich Eltern an ihre Kinder klammern, ihnen gleichzeitig soziale Kontakte zu gleichaltrigen einschränken oder verbieten. So wie es im Hause des Genfer Uhrmachermeister geschieht:

„Nicht ein einziges Mal hat man mich bis zum verlassen meines väterlichen Hauses mit anderen Kindern allein auf der Straße herumstreifen lassen.“

Fazit: Rousseau sitzt  wohlbehütet und abgeschirmt zu Hause, liest mit sechs Jahren französische Romane, lernt das „Leben“ nur durch Bücher kennen, während andere Kinder draußen herumtollen, sich balgen, die Gassen der größten Stadt der Schweiz durchstreifen, den Mädchen unter die Röcke und den Buben in die Hosenschlitze schielen. Von all diesem „Schmutz“ wird Rousseau bewahrt. Er vermisst ihn nicht einmal. Ist noch stolz auf die Fehlentwicklung und soziale Isolation seiner Kinderzeit, denn er fühlt sich wie ein „Königskind“ dass „mit großer Sorgfalt gehegt wird“ oder wie er im gleichen Absatz schreibt:

„ich wurde von allem, was mich umgab, vergöttert und stets wie ein zärtlich geliebtes, niemals aber wie ein verzogenes Kind behandelt.   

Besonders erschütternd ist, dass der kleine Rousseau die Szene seiner Kindheit bereits wie ein Erwachsener beobachtet,  sie aber nicht vollständig durchschaut und reflektiert, – auch nicht als späterer Chronist – stattdessen in seinen Kopf flüchtet, die schrecklichen Ängste, die eigentlich entstehen müssten, verdrängt, und die Situation, die maßgeblich an seinen späteren sozialen Störungen, sexuellen Hemmungen und Komplexen verantwortlich ist, „schönredet“. Rousseau übernimmt eins zu eins die Prüderie und doppelte Moral des bürgerlichen calvinistischen Elterhauses. Sie bleibt wie eine Mauer aus Granit  bis zum letzten Atemzug als Bollwerk und Schutzwall des Philosophen bestehen. Gleiches gilt übrigens auch für Pfarrerssohn Nietzsche.

Bis ins fortgeschrittene Alter, hält der Pionier der Pädagogik die sexuelle Neugier von Kindern und deren spielerischer Umgang für ein „Werk der Erziehung“. Was allein schon deshalb grotesker Unsinn ist, da jene Gassenjungen und Mädchen, auf die er so abfällig herabschaut, sich meist selbst überlassen sind. Solche Widersprüche fallen dem selbsternannten Pädagogen nicht einmal auf, wenn er schreibt:

.. niemals brauchte man in mir eine einzige jener Launen zu unterdrücken oder zu befriedigen, die man der Natur zuspricht und die doch einzig der Erziehung entspringen.

Welche Auswirkungen die „Erziehung“ des Vaters auf Rousseaus sexuelle Entwicklung und spätere Beziehungen haben, ist also bereits jetzt abzusehen. Jean Jacques wird zum klassischen schizoiden Hysteriker und Sexualneurotiker, der seine Störungen auf merkwürdige Weise kompensiert. Zum Beispiel durch Masochismus, Exhibitionismus, Kleptomanie, Grandiosität, zeitweilige Kaufsucht (100 Seidenhemden) soziale Verantwortungslosigkeit, Zwanghaftigkeit, Peniblität, Ekel (der sogar Ohnmachtsanfälle auslösen kann) ,  geringe emotionale Intelligenz, Bindungsstörungen, Feindseligkeit gegen Menschen, die ihm eigentlich helfen wollen. Vor allem aber durch eine ausgeprägte Gefühlskälte.  Kurz gesagt die gesamte Palette schwerer Persönlichkeitsstörungen, bis hin zu Ansätzen eines Borderlinesyndroms. Im Alter kommen noch Verfolgungswahn und Depressionen dazu.

Rousseaus Gefühlskälte, die er regelmäßig wie sein Vater mit Pathos und Theatralik überspielt, also in die Rolle eines Mitfühlenden, Sensiblen schlüpft – getreu den Vorbildern seiner Kindheitslektüre – , ist wahrscheinlich die Hauptursache für das „Psychosomatische Leiden“, der krankhafte Harnverhalt, der den Philosophen das ganze Leben heimsucht. Die Krankheit entsteht durch die Verlagerung seiner nie bewältigten psychischen Probleme auf den körperlichen Bereich. In einem Gespräch mit einem Gast brüstet sich Rousseau damit, dass er niemals „Melancholiker“ – altes Wort für „Depressiver“ war. Das  wiederum schließt  eine echte gefühlte Anteilnahme beim Leid anderer so gut wie aus. Die Tränen anderer, zum Beispiel die seiner Lebensgefährtin  – so wird an vielen Stellen der Bekenntnisse erwähnt – haben Rousseau nie bewegt. Seine eigenen Tränen waren daher nur der Ausdruck hysterischer Theatralik. „Krokodilstränen“ so könnte man boshaft sagen. Auch ihre Herkunft geht auf den Einfluss des Genfer Uhrmachermeisters zurück.

Zu viel erdrückende Nähe, Umklammerungen, aber auch leidenschaftliche Gefühle, werden im späteren Leben des Philosophen vermieden oder in Kopfgeburten umgewandelt, weil sie in irgendeiner Form mit Leid und Schrecken verbunden sind.  Eine davon „Die neue Heloise“ steht Nomen est  Omen auch für Rousseau selbst. Die historische Heloise wurde ins Kloster gesteckt, ihr Liebhaber der mittelalterliche Philosoph Abälard kastriert. Liebe ist gefährlich. Sie findet nur im Kopf statt. Große Gefühle entstehen einzig auf dem Papier. In gleiche Richtung weist auch das musikalische Bühnestück „Pygmalion“, dass Rousseau kurz nach der Heloise 1762 geschrieben hat, aber erst acht Jahre später im kleinen Rahmen aufführen lässt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der zyprische Künstler Pygmalion, der auf Grund schlechter Erfahrung mit sexuell zügellosen Damen zum Frauenfeind geworden ist. Er schafft ein weibliches Standbild, überirdisch schön und rein, und erweckt es mit Hilfe der Göttin Venus und seiner Liebe zum Leben…

In diesem von Ovid beschriebenen antiken Mythos, mit dem Rousseau seit der Kinderzeit vertraut ist, findet er den Schlüssel für die eigene gestörte Beziehung zum weiblichen Geschlecht. Die zum Leben erweckte Statue – die bezeichnender Weise erst im 18. Jahrhundert, einen Namen, nämlich „Galatea“

erhält – steht sinnbildlich für Rousseaus unerfüllbaren Wunsch nach einer perfekten Traumfrau. Sie müsste so beschaffen sein wie die eigene Mutter. Doch diese ist wie die Galatea ein Geist, eine Kunstfigur des Kopfes, jedoch von einer solchen Macht, dass die realen Frauen, wie die von Pygmalion verabscheuten Propoetiden erscheinen.

Die irdische Liebe, zu der auch Sexualität gehört ist daher Ekel erregend und schmutzig. Wie etwa die heimlichen Flirts  unterer Schichten im Hohlweg von Petit-Sacconex, die  Rousseau am Anfang der Bekenntnisse beschreibt und mit der „Paarung von Hunden“ vergleicht. Sie stellen die Fortsetzung der harmlosen Doktorspiele  in den Winkeln und Hinterhöfen der Genfer Altstadt dar. Ekel vor normaler Sexualität zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamten Bekenntnisse. Rousseaus Moralkeule trifft alle Schichten und alle Formen geschlechtlicher Vereinigung. Sie reichen von „öffentlichen Dirnen“, gegen die Rousseau „Abscheu empfindet“ – was ihn nicht daran hindert später eine solche aufzusuchen – bis hin zu adligen „Wüstlingen“, die er mit „Verachtung und Schaudern“ betrachtet.

Das Fazit der nie stattgefundenen  „Sexualerziehung“ im Hause Rousseau liest sich so:

Bis in mein Jünglingsalter hinein hatte ich nicht nur keine deutliche Vorstellung von der Vereinigung der Geschlechter sondern diese verworrene Vorstellung  tauchte in mir auch niemals anders als in einem hassenswerten und ekelerregenden Bilde auf.

In gleicher Weise wie die normale Sexualität in den Orkus wandert, wird ihre andere Form, zu der zweifelsohne der Masochismus gehört, verklärt und idealisiert. Folgende Sätze belegen ziemlich deutlich, dass Rousseau zu keiner Zeit eine, für seine Partnerinnen befriedigende Beziehung unterhalten hat:

… So habe ich meinen Leben damit verbracht, an der Seite der Wesen, die ich am meisten liebte, zu begehren und zu schweigen. Da ich meinen Hang niemals zu eröffnen wagte, ergötzte ich ihn wenigstens durch Beziehungen, die meine Vorstellung in mir wach hielten. Zu Füßen einer herrschsüchtigen Geliebten zu liegen, ihren Befehlen zu gehorchen und ihre Verzeihung zu erbitten, das waren gar süße Freunden für mich, und je mehr mir meine lebhafte Einbildungskraft das Blut erhitzte, desto mehr sah ich aus wie ein blöder Liebhaber. … Ich habe also sehr selten wirklich besessen (auch Therese?) aber dennoch nicht unterlassen, sehr häufig auf meine Art, das heißt in der Phantasie zu genießen…

Erstaunlicher Weise hält ihn die Selbsterkenntnis über sein verkorkstes Sexualleben nicht davon ab, über andere Formen der Sexualität, etwa Homosexualität oder Promiskuität den Stab zu brechen. Am Ende trifft die Moralkeule sogar Rousseaus adlige Mäzenin Marquise de Epinay, deren Beziehung zu Melchior Grimm – sie bleiben zeitlebens ein Paar –  dem „Eremiten“ ein Dorn im Auge ist.

Obwohl er die Gönnerin nicht begehrt, sich sogar vor ihr ekelt, betrachtet er voll Schaudern die Tapetentür, durch die der verhasste Liebhaber zu ihrem Schlafgemach gelangt.

Die psychischen Störungen des Philosophen haben also eine lange Vorgeschichte, deren Ursachen man klar und deutlich aus den Bekenntnissen herauslesen kann.

Rousseau muss die verstorbene Mutter ersetzen, umgekehrt übernimmt der Vater teilweise die Mutterrolle, macht sich aber gleichzeitig zum Kind.  Das hindert Jean-Jacques vor allem daran, eine   „männliche Identität“ zu entwickeln. Rousseaus späteres Denken und Handeln, sein schwärmerischer Überschwang, sein sanftes Auftreten, sein Schreibstil, aber auch seine Launenhaftigkeit, seine fast homophil wirkende „Divahaftigkeit“, lassen deutlich feminine Züge erkennen. Zu mindest nach dem heutigen Rollenverständnis. Frauen sehen in ihm keinen „Mann“, sondern eine in Männerkleidern steckende Freundin. Gleichklang der Seelen nennt man so etwas. Rousseau ist ein femininer Mann, der auf einem sehr naturgetreuen Bild von la Tour überraschende Ähnlichkeit mit Anthony Perkins aufweist. Schauspieler Perkins, der in „Psycho“ den schüchternen Motelbesitzer mit Abgründen mimt, war bis zu seinem 30. Lebensjahr homosexuell, oder zumindest bisexuell.

Viele Frauen lieben diesen Typ Mann, weil er einfühlsam ist, nicht Besitz ergreifend, kein sexuelles Begehren äußert. Die Idealpartner für eine platonische Liebe oder zumindest tiefe Freundschaft, engelsgleich und androgyn. Im Falle Rousseaus machen die Frauen freilich die Rechnung ohne den Wirt. Rousseau ist nicht schwul, und erst recht nicht bisexuell. Solche Leute fallen unter die Kategorie „Wüstlinge“ und werden mit Verachtung bestraft. Sie lösen sogar Ohnmachtsanfälle aus. Er begehrt die Frauen sehr wohl, auch körperlich. Um zum Ziel seiner Wünsche zu gelangen, müsste er jedoch die Moralbegriffe seiner bürgerlichen calvinistischen Kindheit inklusive der sexuellen Störungen über Bord werfen. Denn auch die Rokokopüppchen wollen trotz geistreicher Unterhaltung und Bildungsaustausch am Ende doch alle nur das Eine. Verführt und penetriert werden  Für beide Schritte ist er im wahrsten Sinne nicht Manns genug. Ein lebenslanger Konflikt, der seine eigene Beziehung zu einer Art „Bratkartoffelverhältnis“, sprich  liebloser  Zweckgemeinschaft verkümmern lässt und die ersehnte „große Liebe“ in unerfüllter Sehnsucht auf den St. Nimmerleinstag verschiebt. Dass ihn seine Frau betrügt – zwei Liebhaber sind belegt, drei weitere, darunter mindestens zwei Erzeuger ihrer Kinder – sehr wahrscheinlich – darf man ihr nicht einmal ankreiden. Wenn man die Bekenntnisse genauer liest, so sah auch Rousseau großzügig darüber hinweg. Offen ausgesprochen hat er diesen wunden Punkt allerdings nie.

Oberflächlich betrachtet könnte man  Rousseau als „tragischen Romantiker“ bezeichnen, würde ihn nicht der Mangel an echten Gefühlen, zum Beispiel „Trauer“ vor einem solchen Typus bewahren. In diesem Falle wäre Rousseau durch und durch ein echter „Bohemien“ der sich durch Leidenschaften, Orgien, Affären und Räusche, durch Depressionen und Höhenflüge mit Hilfe seiner Kunst eine eigene Welt schafft. Ein Vorläufer von Balzac, Baudelaire, Heinrich Heine, Mozart, Musset, Liszt, Toulouse- Lautrec…  Für diese typische Form von Künstlerkarieren- bei denen Ausschweifungen eine wichtige Rolle spielen –  ist Rousseau jedoch viel zu verklemmt. Er schlüpft viel mehr in zahlreiche Rollen – ähnlich den Metamorphosen des Ovid. Mal ist er heiterer Musiker, dann wieder Gelehrter, ernst, streng und belehrend, weiser Philosoph, Pflanzenforscher, akribisch, pingeliger Notenkopist, Kleiner Spießer, Star auf der großen Bühne, Einsamer Spaziergänger, übel gelaunter Eremit, Minnesänger, Staatsrechter; plötzlich von religiösen Wahn erfasster Prophet, Religionsstifter, Reformator, Politiker, Rebell, Anwalt der kleinen Leute, deren Sexualität er wie erwähnt mit der „Paarung von Hunden“ vergleicht. Chamäleon, Multiple Persönlichkeit. Mehr fällt einem zu diesem bunten Karussell an Rollen nicht ein. Schlagworte die man unter dem Begriff  „Schauspieler“ zusammenfassen könnte. Zu Rousseaus Rollen gehört auch der charmante Galant, der sprachlich gewandte leichtfüßig herumtänzelnde und schwänzelnde Lakai. Dies alles sind, wie gesagt nur Rollen, in die Rousseau  oberflächlich hineinschlüpft wie in ein Bärenfell, die er aber auch genau so schnell wieder abstreifen kann, sie durchbricht und neue erfindet. Er gleicht in dieser Form vielleicht auch dem Menschen der Moderne, von dem im heutigen Berufsleben gleichfalls ein hohes Maß an „Anpassungsfähigkeit“ verlangt wird und der ebenfalls wie ein Schauspieler Rollen spielen muss, die ihm vielleicht gar nicht liegen und gegebenen Falls wie Rousseau zum „Aussteiger“ wird.

Eine Rolle hat Rousseau nie gespielt: Die Rolle des erfolgreichen Liebhabers, dennoch hat sein androgyner Charme und die gekonnt zelebrierte Unerfahrenheit und „Unschuld“ auf Frauen faszinierend gewirkt und vor allem zwei Eigenschaften beim weiblichen Geschlecht  aktiviert. Den Mutterinstinkt und den Beuteinstinkt. Rousseau passt damit haargenau ins „Beuteschema“ von starken Frauen, die sich nicht gerne von Männern anmachen lassen, sondern selbst die Initiative ergreifen. Das Rokokozeitalter mit seiner langen Friedenszeit gehört den Damen. Zwei mächtige Kaiserinnen von Habsburg und Russland stehen an der Spitze Europas. In Frankreich bekleiden Frauen zwar keine Ämter, haben jedoch in vieler Hinsicht die „Hosen“ an. Sie haben sich in bürgerlichen und adligen Kreisen bereits elementare Grundrechte erworben. Dazu gehört das weit gehende Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper, ihren Besitz und einer grenzenlosen von Männern bezahlte  Freizeit. Von diesen Rechten machen sie Gebrauch. Sie reisen und residieren weitgehend allein. Sind uneingeschränkte Chefinnen großer Haushaltungen. Gebieten über zahlreiches Personal. Flirten, parlieren, turteln und kokettieren. Versammeln kluge Köpfe um sich. Darunter natürlich auch Liebhaber. Ehemänner existieren bloß auf vergilbten Urkunden.

Wenn an obiger Stelle gesagt wird, dass Rousseau ein wenig homophil und androgyn rüber kommt, so entspricht er damit durchaus dem Männerbild des Rokoko und der Aufklärung. Die Männer wollen sich den starken Frauen der Aufklärung äußerlich anpassen, sehen alle ein wenig aus wie aufgedonnerte Tunten, pudern und schminken sich, tragen Perücken, Seidenstrümpfe, Lackschuhe, benutzen Lippenrot. Und vor allem: Sie tragen keine Bärte. Selbst die schwächsten Bartstoppeln verschwinden unter einer dicken Schicht weißem Puder. Rousseau ist übrigens der erste der „abgeschminkt“ mit einem „Dreitagebart“  sein Rokokopublikum bewusst „schockiert“ und damit das natürliche „Outfit“ zum Markenzeichen von Kunst und Rebellion deklariert.

Der Rokokomann wird später, nicht zuletzt durch Rousseaus Einfluss, von einem ganz anderen Männertyp abgelöst: Dem „romantischen Macho“. Er trägt wieder Bart als „natürliches“ Zeichen männlicher Zierde. Koteletten, Backenbärte und Schnurrbärte kommen in Mode. Die langen Haare fallen dem bürgerlichen Freiheitskämpfer und Revolutionsgardisten in wilden Strähnen ins Gesicht, wenn er auf einem schnaubenden Schlachtross, den blutigen Säbel schwingend, durch den Kanonendampf nie vorher da gewesener, mörderischer Großraumsschlachten galoppiert, deren sechsstellige Verluste, den sieben Jährigen Krieg zur Zeit Rousseaus wie ein harmloses Geplänkel erscheinen lassen.

Die Frauen dagegen sitzen als neue bürgerliche  Mustermütter still, bescheiden und beschaulich am heimischen Herd, und warten auf die Rückkehr ihrer Helden. Um die Idylle zu stören muss erst eine George Sand auf der Bühne erscheinen,  die zum Zeichen ihrer „Emanzipation“ Hosen trägt und Zigarre raucht…

Bis der neue Männertyp, den „Contrat social“ im Arm, zuerst Frankreich, dann Deutschland und schließlich Europa von Moskau bis an die Südspitze Spaniens in ein einziges Schlachthaus  verwandelt und die Frau zur „vaterländischen Soldatengebärmaschine“ degradiert – man denke an das zynische Zitat Napoleons -,  müssen noch einige Jahrzehnte vergehen.

In der Rokokowelt der äußerlich androgynen Männer und starken Frauen in rauschenden Reifröcken ist Rousseau ein durchaus gefragter „Mann“, zumindest so lange, bis er die (halblangen) Hosen herunter lassen muss, oder sich über das Liebesleben der Gönnerinnen muckiert. So ist es nicht verwunderlich, dass Frauen im Leben von Rousseau eine bedeutende Rolle spielen. Frauenherzen fallen dem jungen „Jan-Jacques im Glück“ zu wie reife Kirschen, Frauen wählen den wortgewandten Kindmann zum Tröster und Beichtvater. Frauen werden wichtige Verbündete, Mäzene und Förderer, aber niemals echte und dauerhafte Liebhaberinnen. Rousseau ist ein Hermaphrodit, ein Zwitter, ein Eunuch, ein Minnesänger, der die Seiten unerfüllter Sehnsucht zum klingen bringt. Er kann nicht gleichzeitig Abelard,  Casanova und Marquis de Sade sein. Erstaunlich ist,  dass die beiden größten „Wüstlinge“ der Rokokozeit dem Asketen große Wertschätzung und Bewunderung entgegenbringen. Obwohl solche Menschen auf der untersten Skala Rousseauischer Moralvorstellungen rangieren. Casanova hat er sogar empfangen. (Der italienische Gigolo hat übrigens nicht mit Therese angebändelt sondern Rousseaus Haushälterin und Lebensgefährtin als „seltsames und unscheinbares“ Wesen beschrieben…)