Rousseaus Rache

Rousseaus Rache

Biografiemeister Rousseau hat  den dreisten Sextouristen Boswell  – vermutlich nach einer umfangreichen Aussprache mit Therese – in seinem eignen Werk dem Tod durch Vergessen überantwortet. In den Bekenntnissen, in denen die Zeit in Motiers einen breiten Raum einnehmen, wird der Schotte mit keinen Satz erwähnt. Ein Zeichen, daß die Affäre ihm nahe geht. Das alte Spiel: Zuerst verdrängen, dann leugnen und schließlich vor der Wahrheit kapitulieren, holt Rousseau immer wieder ein.  Im Zusammenhang mit dem Skandal während der bereits erwähnten Kutschfahrt,  blitzt allerdings eine Stelle auf, die hellhörig macht. Da heißt es:

„Du süßer heilige Traum der Freundschaft! Gauffecourt zog als erster den Schleicher von meinem Antlitz – und grausame Hände haben ihn seitdem wieder herabzusinken verhindert.“

Eine dieser grausamen Hände gehörte mit Sicherheit Boswell. Vermutlich hat Rousseau vom Fehltritt seiner Haushälterin schon in England erfahren. Obwohl der junge Schotte der Geliebten hoch und heilig versprochen hat, die Affäre erst nach ihrem Tode zu veröffentlichen, wird der Sexprotz damit nicht lange hinterm Berg gehalten haben. Augenfällig ist, dass die schmutzigen Gerüchte um Rousseau, die sich  vor allem auf Therese beziehen, während seines Englandaufenthaltes ihren Höhepunkt erreichen und schließlich den Ausbruch eines Verfolgungswahns begünstigen.

Auch der Gastgeber David Hume, auf dessen Einladung Rousseau in England weilte, scheint der begehrlichen Haushälterin  schöne Augen gemacht zu machen. Jedenfalls setzt er einiges dran, um Boswell in den Augen von Therese herabzusetzen. Er erzählt der Geliebten, daß Boswell depressiv sei, das läge in der Familie. Der Schotte bekommt daraufhin einen Wutanfall, sieht in Hume einen „Widersacher“, den er am liebsten „töten“ würde. Offenbar hat der junge Liebhaber sich Hoffnungen gemacht, die Affäre in England fortzusetzen.  Zur Trauer um die gerade  verstorbene Mutter, kam die Trauer um den Verlust der mütterliche Geliebte hinzu. Bereits in Motiers kullerten die Abschiedstränen. Wie müssen diese erst in London geflossen sein. Kurz darauf besucht er seinen Ersatzvater Nr. 1, den von ihm hoch verehrten Dr. Johnson. Auch er „schien ihm nicht mehr so gewaltig wie früher“. Scheinbar hatte die Beziehung zu Therese den jungen Mann erwachsener werden lassen. Er schreibt: „Er drückte dich wie einen Sack und grunzte: Ich hoffe das wir noch viele Jahre der Freundschaft miteinander verbringen.“ Die Beziehung zu Therese ist Boswells „Reifeprüfung“

Rousseau hat sich nie öffentlich über die Affäre seiner Frau geäußert. Dass er von ihrem Seitensprung erfahren hat, und das er ihn kränkte, dafür gibt es neben den bereits erwähnten Anmerkungen in den Bekenntnissen auch einen möglichen brieflichen Hinweis. 1769 hat ihr Rosenkrieg, nach einem erneuten paranoiden Krankheitsschub – er wies die Hilfe des Fürsten Conti schroff zurück – einen neuen Höhepunkt erreicht. Therese erwägt ernsthafte Trennungsabsichten.

Auch in diesem Brief ist von möglichen Verhältnissen die Rede, und dies obwohl das Paar sich seit der Rückkehr aus England im Mai 1767 ständig auf der Flucht befindet. Therese braucht nur wenige Wochen, um sich in neuer Umgebung einen Liebhaber zu suchen. Wie anders sind folgende Zeilen zu verstehen. Von welcher „Schwäche“ spricht der Philosoph , wenn er schreibt:

„… Dir ist es behaglich bei aller Welt, nur nicht bei mir; alle mit denen Du in Berührung kommst, sind in deine Geheimnisse eingeweiht (vermutlich auch Hume), bloß ich nicht, der ich Dir doch am nächsten stehe und dennoch von deinem Vertrauen ausgeschlossen bin. Ich spreche nicht von manchen anderen Dingen; ich muß dir deine Schwächen zu gute halten wie Du mir die meinigen. Ach wenn Du mit mir glücklich wärst, wie zufrieden würde ich sein, trotz allem!“

In den darauf folgenden Zeilen spekuliert der 56jährige mit seinem nahen Ende und gibt Therese Anweisungen, wie sie sich im Falle seines Todes verhalten soll:

„Halte das Andenken des Mannes, dessen Witwe Du dann bist in Ehren… Das sich kein Mann im Priester und Mönchsgewand irgendwie um dich kümmert. Ich sage das nicht aus Eifersucht, denn ich bin deiner Treue sicher, auch übers Grab hinaus.“

Auch dieser Brief zeigt Rousseaus innere Zerrissenheit in Sachen Therese. Der Unsicherheit und dem Zweifel folgte stets die Beschwörung der Treue, und im oben stehenden Falle vielleicht sogar ein ernst zunehmender Hinweis, in welchen Kreisen die fromme Therese ihre Liebhaber sucht und findet. Auffallend ist, daß in den Bekenntnissen oft der sittenlose Klerus gegeißelt wird, mit Ausnahme von Abbe de Saint Pierre.

Das Verhältnis zu Therese besteht wahrscheinlich nur aus einem äußeren „Besitzanspruch“, ein Umstand, über den Rousseau einmal geschrieben hat:

 „Schon vor langer Zeit habe ich es gefühlt und ausgesprochen, daß Eigentümer und Besitzer oft zwei recht unterschiedliche Personen seien, selbst wenn man die Ehemänner und die Liebhaber beiseite läßt.“

Zu guter Letzt werden durch den Brief auch die Glaubwürdigkeit der Bekenntnisse nachhaltig erschüttert. Schon Heinrich Heine schrieb voller Hohn:

 „Da wo Rousseau die Wahrheit sagt lügt er, und da wo er lügt, sagt er die Wahrheit.“

Zumindest bleibt der Vater der Pädagogik der Nachwelt die Antwort schuldig, warum er einer weitgehenden Analphabetin einen knapp zehn Seiten langen Brief schreibt. Da umgekehrt auch ein Brief von ihr überliefert ist, der außer ein paar ihrem Dialekt zuzuschreibenden Fehlern, ganz ordentlich klingt, sind beinah alle Beschreibungen Rousseaus zum Thema „Lebensgefährtin“ mit äußerster Vorsicht zu genießen.    Dies wirft zugleich die Frage auf: wer war Therese Levasseur wirklich.

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