Rousseaus zerrüttete Beziehungen

Rousseaus zerrüttete Beziehungen

Gründe für erste zwischenmenschliche Kontakte in den Schweizer Bergen gibt es genug. Rousseaus Beziehung zu Therese kriselt bereits in der Eremitage. So schreibt der Philosoph in seinen Bekenntnissen unverblümt:

 „Solange meine Freuden auch die ihren waren, genoß ich sie mit ihr, und als das nicht mehr der Fall war, galt mir ihre Zufriedenheit mehr denn die meine.“

An einer anderen Stelle wird er noch deutlicher in dem er über ihre gestörte Beziehung  schreibt:

„Man wird die Stärke dieser Verbindung erkennen, sobald ich die Wunden und Kränkungen enthüllen werde, die sie inmitten meines Elends meinem Herzen zugefügt hat, ohne daß mir bis zum Augenblick, da ich dies niederschreibe, jemals ein Laut der Klage darüber gegen irgend jemanden entschlüpft wäre.“

Wenige Zeilen später gibt er zu “nie auch nur einen einzigen Funken Liebe für sie empfunden“ zu haben sondern „ausschließlich Bedürfnisse des Geschlechtes“ bei Therese befriedigte. In dem Buch „Memoires apocryphes de Therese Levasseur“ vertritt der bekannte Französische Psychiater und Neurologe, die Ansicht, dass Rousseau zwar nicht impotent war aber dennoch Ekel vor normalen Geschlechtsverkehr empfand, was ihn zu einer gegenseitigen manuellen Befriedigung zwang. Dass diese Sexualpraxis angesichts fehlender oder mangelhafter Verhütungsmittel durchaus gängig war, hat durch Lichtenbergs Sudelblätter Eingang in die erotische Literatur gefunden. Im Umfeld von Boswell wird später laut, Therese habe von der ungestümen Fickerei des Schotten genug gehabt und Boswell gebeten sie doch mit dem Finger zu befriedigen. Ein durchaus glaubhafter Hinweis über die gebräuchliche Sexualpraxis zwischen Therese und Rousseau. Dass Thereses Kinderwunsch dabei auf der Strecke blieb ist ebenso klar wie der umgekehrte Weg ihrer Entstehung durch Eskapaden.

Auffallend ist die innere Distanz, die Rousseau, der sonst in Details und Gefühlsduselei  schwelgt, auf die „Entstehung“ der Kinder verwendet.

„Während ich in Chenonceaux dick wurde, wurde es meine arme Therese in Paris, freilich auf andere Weise, und als ich zurückkam, fand ich die Arbeit, die ich auf dieses Handwerk gewandt, weiter gediehen, als ich geglaubt hatte…

Nicht nur, dass Rousseau die Zeugung von Kindern mit einem „Handwerk“ vergleicht, im weiteren Verlauf des für Rousseau so schmerzlichen Kapitels wird durch ein längeres Gespräch, dass sich um Seitensprünge und heimliche Liebschaften dreht, angedeutet, dass Rousseau sich seiner Vaterschaft keinesfalls sicher war und deshalb der „Finderhauslösung“ nur allzu bereitwillig folgte…

Langsam wird der Leser auf eine Generalabrechnung des Gehörnten vorbereitet. In einem der letzten Kapitel der Memoiren, die sich bereits mit der Zeit in Motiers beschäftigen – Rousseau hatte sich vor seiner Flucht in die Schweiz von seiner Lebensgefährtin getrennt  – holt der Autor schließlich zu einem Rundumschlag aus, der, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann, an Deutlichkeit nicht mehr zu überbieten ist. So schreibt der Philosoph:

„Ich habe weder meine, noch meiner armen Mama Laster verhehlt, ich darf Therese keine größere Schonung angedeihen lassen (Sie hatte also Laster). Und wie groß meine Freude auch immer  sein möchte, ein Wesen zu ehren, das mir so teuer ist so will ich doch ebenso wenig ihr Unrecht verheimlichen, wenn eine unwillkürliche Wandlung in den Gefühlen des Herzens überhaupt so genannt werden darf. Schon lange hatte ich ihr Erkalten gegen mich wahrgenommen…

Der gleiche Mißstand, dessen Wirkung ich schon an Mamas Seite zu spüren bekommen hatte, traf, und zwar mit der gleichen Wirkung, auch zwischen uns ein. Man soll keine Vollkommenheit suchen, die außerhalb der Natur sind: die Wirkung würde bei jedweder Frau dieselbe gewesen sein.“

(Interessant ist, dass er einen ähnlichen Satz bereits beim Ende der Beziehung zu „Mama“ formulierte, die sich während eines Kuraufenthaltes ihres Schützlings einen neuen Liebhaber gesucht hatte.)

Im Klartext: Zur Natur einer Frau gehören auch sexuelle Bedürfnisse und wenn diese nicht befriedigt werden, sucht sie sich einen Ersatz. Auffallend ist das Wort „Wirkung“. Das Erkalten hatte eine Wirkung, nämlich den nicht zu verhindernden Seitensprung. Wenige Zeilen später schiebt Rousseau die Erklärung für das Erkalten der Beziehung nach. Sie hat zwei Gründe, die ebenso widersprüchlich wie lächerlich anmuten: Er habe, so schreibt er allen ernstes, den Geschlechtsverkehr mit Therese eingestellt, um ihr weitere Schwangerschaften zu ersparen. Der zweite Grund ist…

„dass  der geschlechtliche Umgang mit Frauen mein körperliches Übel merklich verschlimmerte“

Dieser Satz könnte natürlich auch als Beweis für Rousseaus Vaterschaft sprechen und als weiterer Beweis dafür, das der Philosoph die „Prozedur“ hin und wieder über sich ergehen ließ. Laut  Didier Vincent  könnte wenigstens eines der Kinder von Rousseau sein, die beiden anderen von Diderot und einem Geistlichen im Umfeld von Grimm.

Im nächsten Satz der Bekenntnisse  gibt der Philosoph  dann zu, einem „Ersatz schaffenden Laster“ nämlich der Onanie zu frönen. Im Klartext: Rousseau ist zu geizig, um die bereits damals verbreiteten Kondome zu kaufen, schiebt Gesundheitsgründe vor, um nicht mehr mit seiner Frau zu schlafen, und betreibt statt dessen Selbstbefriedigung. Dies trieb selbst die duldsame Therese in die Arme eines Liebhabers.

Typisch für den Schreibstil des Philosophen ist dessen ständiges Zurückrudern,  Hin und her Lavieren bei heiklen Themen, das langsame Herausrücken mit der Wahrheit. Dadurch ergeben sich innerhalb seiner Bekenntnisse Widersprüche, die darauf zurückzuführen sind, daß er während des Schreibens neue Erkenntnisse, zum Beispiel über die Untreue seiner Frau erfahren hat. So schreibt er nach der ersten Erwähnung der „Wunden und Kränkungen“ über das Verhalten seiner Lebensgefährtin:

„Von Seiten der Männer hatte ich nichts zu fürchten; ich bin sicher der einzige Mann zu sein, den sie wahrhaft geliebt hat und ihre ruhigen Sinne haben sie nicht nach einem anderen verlangen lasen, selbst als ich aufgehört hatte in dieser Hinsicht für sie noch einer zu sein“.

Diese Aussage steht im krassen Widerspruch zu der in Motiers gemachten Erkenntnis vom „Mißstand dessen Wirkung er schon an Mamas Seite zu spüren bekommen hatte“

Wahrscheinlich hat sich Therese  auch einen Liebhaber  in Montmorency, im Umfeld des Herzog von Luxembourg gesucht, möglicherweise einen Weltgeistlichen. Zu diesem Zeitpunkt schlief das paar bereits in getrennten Betten. Therese im Erdgeschoß, Rousseau im ersten Stockwerk.

In Motiers rückten Rousseau und Therese aus Platzgründen räumlich wieder etwas enger zusammen, ohne jedoch die Nächte gemeinsam zu verbringen. Therese schläft in der Küche, Rousseau in seinem Arbeitszimmer. In der Küche befindet sich jedoch kein Bett. Die arme Therese muss also auf einem Strohsack nächtigen.

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