Steile Kariere eines Konvertiten

Steile Kariere eines Konvertiten im Zeichen von Günstlings und Mätressenwirtschaft, Seilschaften und Netzwerken

Pioniere haben das Glück sich weder mit Nachfolgern noch mit Vorgängern messen zu müssen, selbst dann wenn ihre Werke heutigen Erkenntnisständen und Maßstäben nicht standhalten. Lässt man Rousseaus Leben Revue passieren, so stellt sich immer wieder die Frage: Was hat diesen Erfolg bewirkt? Die Antwort mag banal klingen: Er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, lernt zur rechten Zeit die richtigen Menschen kennen und zeigt seinen Zeitgenossen Dinge, die sie vorher nicht wahrgenommen haben. Er stellt Fragen, die vorher nie jemand gestellt hat und gibt Antworten, die gar nicht falsch sein können, weil sie nicht einer empirischen Quelle sondern einzig allein Rousseaus Inspiration entspringen. „Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat“ könnte über jedem Werk des Genfers stehen.

Bemerkenswert ist, dass Rousseau in den Bekenntnissen auch eine Analyse seines Erfolgs vornimmt und wie bereits erwähnt auch negative Erlebnisse – wenn auch ambivalent beurteilt – mit einfließen lässt. Auch negative Ereignisse können einen Erfolg einleiten, vorausgesetzt man verharrt nicht zu lange in der Verliererposition. Rousseau ist daher auch immer ein Getriebener, ein Herumstreifender. Da Rousseau seit frühster Jugend in einem „magischen Denken“ verhaftet ist, kommen ihm die Dinge, welche ihm widerfahren, wie Winke des Schicksals, oder besser gesagt wie „der Fingerzeig Gottes“ vor.  Dies passt auch last not least zur „Gnadenlehre“ seiner calvinistischen Lehrer.

Der Philosoph beginnt seine Geschichte wie das Johannesevangelium – mit einem fast sakral anmutenden Prolog. Dann folgt die Vorgeschichte, beinah nach dem Muster des Lukasevangeliums. Rousseau wird zu Unrecht als „Antichrist“ gegeißelt. Er ist der christlichste aller Aufklärer, weil er eigentlich gar kein Aufklärer  ist, sondern ein Prophet. Die Vorgeschichte endet mit der Beschwörung einer Rousseauischen Dreifaltigkeit. Vater – Mutter – Jean-Jacques. Die Eltern sind beide als „Urheber seiner Tage“ im Himmel und haben ihm „das gefühlvolle Herz“ zurückgelassen. Es ist seine Reliquie, wie das Bild der Mutter, dass Vater Issak auf der Brust trug, als er in den Armen einer anderen Frau starb.   „Ihnen hat es ihr Glück gezimmert“ ihm aber „wirkt es allen Unglück des Lebens“. Rousseau wird damit zum Heiligen und Propheten der Empfindsamkeit, der fortan allein gelassen, mit der Hypothek eines gefühlvollen Herzen durch eine böse Welt streifen muss, um ihr  die  frohe Botschaft  eines neuen „natürlichen Menschen“ zu verkünden.

„Jean“ ist die Französische Form von „Johannes“, jener „wilde“ mit einem Kleid aus Kamelhaaren bekleidete, in der Einsamkeit hausende Prophet, der Täufer, der die Wege des Herren vorbereitet, der genau wie Rousseau Dekadenz und Luxus geißelt und den reichen Juden zuruft: „Schon ist die Axt  an die Wurzeln der Bäume gesetzt. Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt wird herausgerissen und ins Feuer geworfen“. Johannes ist der „Rufer in der Wüste“. Die gleiche Rolle spielt Rousseau für den genusssüchtigen dekadenten Rokokoadel. Er bereitet die Wege der Französischen Revolution. Rousseaus „Wüste“ ist der Grüngürtel von Paris in den er die verdorbenen Großstadtmenschen lockt und den aufgetakelten Perückenkokotten zuruft: „Seht her, das ist Natur!“ Die „JüngerInnen“ lernen schnell: Die geistvolle Rokokopuppe Comtesse Houdetot besucht den Eremiten in Männerkleidern mit aufgelöstem ganz „natürlichem“ Haar. Der Heilige Johannes war laut Hollywood-Legende ein Frauenschwarm und zugleich ein Asket und Moralapostel. Beides führt wie uns der Film lehrt zu Konflikten, die dem Asketen im wahrsten Sinne den Kopf kosten. Rousseaus „Salome“ heißt Houdetot. (Nietzsches „Houdetot“ Salome)

Es ist davon auszugehen, dass Jean-Jacques die Geschichte seines frommen Namenspatrons, bis zur Identitätsübernahme in und auswendig kennt. Vor allem dessen Kindheitsgeschichte. Hier findet Rousseau auch in verkappter und vor allem verklärter Form seine eigene Zeugung wieder. Die wundersame Empfängnis der bereits im vorgerückten Alter stehenden Elisabeth. Beide Geburten sind ein Wunder. Die von Johannes per se, seine eigne, weil er sie erstaunlicher Weise, wunderbarer Weise, überlebt. Das magische Denken und der Glaube an vorherbestimmte Schicksalsfügungen werden ihm damit quasi schon in die Wiege gelegt. Später folgt er seinem inneren Idol und Archetyp sogar in die Wüste.

Die Geburt des kleinen Jean Jacques, ist auf der anderen Seite die Erschaffung eines kleinen unakademischen Intellektuellen, der bereits als Halbweise zur Welt kommt, gebrechlich lebensuntüchtig und sich deshalb immer wieder selbst neu zur Welt bringen, oder neudeutsch ausgedrückt „erfinden“ muss. Besonders sein bestes Stück scheint bei der Geburt gelitten zu haben. Rousseau hat keine Mutter aber dafür einen verschrobenen, prügelnden, verklemmten, bigotten Vater, der den Jungen, um ihn gänzlich zu versauen zuerst seinem Bruder, dann einem protestantischen Pfarrer zur Erziehung übergibt.  Bereits jetzt merkt der aufmerksame Literaturkenner. Der junge Rousseau hat einiges  mit Hermann Hesse gemeinsam. Allen vor ran die Ahnenreihe evangelischer Pfarrer. Wie Hesse wird er in eine Lehre gesteckt, zuerst bei einem Gerichtsschreiber, dann bei einem Graveur. Beide Ausbildungen schmeißt er hin. Heute würde man sagen. Der Bursche ist hochbegabt und langweilt sich im konventionellen Lehrbetrieb zu Tode.

Dass er in solchen bedrängenden Situationen rechtzeitig die Reisleine zieht und merkt, dass diese stupiden Sackgassen nicht auf seiner inneren Landkarte stehen können, verdankt er wiederum einer Intuition, die oft mit magischem Denken verknüpft ist. So ist des nicht allein der Leidensdruck oder die Vernunft die ihm rät die Situation zu ändern, sondern „Anweisungen und Fingerzeige“ aus einer anderen Sphäre. Wenn er nach einem Ausflug nicht mehr zu seiner verhassten Lehrstelle in Genf zurückkehrt, so liegt der Grund nicht nur im jähzornigen Meister, sondern weil die Stadttore geschlossen sind. Ein ähnliches „Orakel“ wiederholt sich später wie schon erwähnt vor dem Absperrgitter in der Kathedrale Notre Dame.

Rousseaus weiteres Leben, nach Verlassen seiner Heimatstadt Genf gestaltet sich vielerorts wie der Schelmenroman Simlicissimus, a la Grimmelshausen, Hans im Glück oder Pinocchio.

Der 15jährige  schlägt sich als Landstreicher, Zechpreller und Falschmünzer durch und begegnet einer sinnenfrohen wohlhabenden Katholikin, Madam de Warens, seiner guten Fee, die ihm, dem prüden, heimlich onanierenden Calvinisten, wie eine Heilige und Hure vorgekommen sein musste. Ein barockes Vollweib mit breiten Hüften und üppigen Busen, selbstbewusst, emanzipiert. Sie schläft mit jedem auf den sie gerade Lust hat. Irgendwann auch mit Jean Jacques. Jedenfalls versucht sie es, während er die „Prozedur“ wie ein Märtyrer über sich ergehen lässt. Frauen bereiten ihm Schmerzen, körperliche wie seelische. Litt er an einer Harnröhrenverengung, oder war ihm der „verschlingende Schoß“ ungezügelter fordernder Weiblichkeit suspekt? Erinnerte ihn eine Vulva an das Drama seiner eigenen Geburt? An den Tod der Mutter? Hatte er Angst durch eine Schwangerschaft ein zweites Mal „Schuld“ auf sich zu laden?  Über genauere Details seiner sexuellen Störungen schweigt er sich aus, wobei er schon genug Preis gibt. Fakt ist, dass er lieber onaniert, und das bis ins fortgeschrittene Alter. Im Calvinismus gibt es keine Vergebung der Sünden, sondern vorherbestimmte ewige Schuld und Verdammnis. In diesem Punkt haben sein Vater und dessen „Über-Ich-Nachfolger“  wie bereits erwähnt ganze Arbeit geleistet.

Bis die Warens ihn mit katholischer Sinnenfreude ins Bett nimmt, ist noch ein weiter Weg. Noch ist Rousseau ein altkluger, naiver und in vieler Hinsicht – vor allem was seine sexuelle Entwicklung betrifft – zurückgebliebener, unreifer  Jugendlicher.  Die Warens – nur 12 Jahre älter als er –  wird daher nicht seine Geliebte sondern seine „Mama“.  Ähnlich wie Madonna und Angelina Jolie  hat sie ein großes Herz  für heimatlose kleine Herumtreiber, Weisen und Halbweisen und schart eine große Kinderschar um sich. Hinter ihrem scheinbar selbstlosen Gebaren steht freilich eine mächtige „Hilfsorganisation“ die katholische Kirche. Sie operiert als Nachzügler der politisch längst unbedeutend gewordenen „Gegenreformation“ vom Fürstentum Piemont/Herzogtum Savoyen aus, um Teile der calvinistischen Südschweiz  wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie ist Schuld daran, dass sich Rousseau später immer wieder mit dem Thema „Religion“ kritisch auseinandersetzten wird und mit Häme gegen hornige Pfaffen nicht spart.

Zunächst einmal kommt ihm die neue katholische Heimat Savoyen und erst recht Italien, dem Savoyen gehört, wie das reinste Babel, oder schlimmer noch wie Sodom und Gomorra vor. Unter den Apfelbäumen lieben sich Paare in aller Öffentlichkeit. Manche haben bereits drei Kinder ohne verheiratet zu sein. Im Konvertitenkolleg Turin, wohin ihn seine Gönnerin und „Adoptivmutter“ schickt wird er fast von einem schwulen Seminarist vergewaltigt.  Ähnliches passiert ihm als Lakai in Turiner Adelshäusern. Italien das reinste Decameron. Geile Pfaffen, lockere Mädchen, denen er sich im Labyrinth altrömischer Kasematten als Exhibitionist präsentiert, versüßen Rousseaus Bekenntnisse wie eingelegte Rosinen.  Zwischendrin erweitert der Konvertit seine abgebrochenen Ausbildungen durch den erfolglosen Besuch eines katholischen Priesterseminars und eines musikalischen  Schnupperlehrgangs.  Heraus kommt ein Achtelgebildetes Allroundgenie, dessen spätere steile Kariere an den kometenhaften Aufstieg von Rock und Popstars erinnern. An John Lennon, Jimi Henrrix, Noel Gallangher usw. Rousseau brauch keine Professoren, Universitäten, Lateinschulen, Akademien. Sein Lehrer ist das Leben selbst. Seine bescheidene „Schulbildung“, die er durch autodidaktische Studien erweitert,  befähigen ihn zum Hauslehrer reicher Familien. Nach den dort gemachten kurzen und dürftigen Erfahrungen fühlt er sich zum Pionier der Pädagogik berufen. Als er viele Jahre später seinen Erziehungsroman „Emil“ herausgibt, fragt keiner der Bewunderer nach seiner praktischen Erfahrung. Schlimmer noch: Er findet Nachahmer, die kläglich scheitern und ihre Sprösslinge, wie Pestalozzi in den Wahnsinn treiben.  Einzig der Makel, dass er seine „eigenen Kinder“ im Findelhaus „entsorgt“ hat wird ihm zeitlebens – bis heute –  nachgetragen und rüttelt vielerorts an seiner Kompetenz.  Das Buch schlägt ein wie eine Bombe! Die Fachwelt ist gespalten und macht durch ihr Geschrei den Verfasser erst weltberühmt. Bemerkenswerter weise sind es gar nicht Rousseaus utopische Erziehungsansätze, die ein Sturm der Entrüstung auslösen sondern die Proklamation einer neuen „natürlichen Religion“.

Der musikalische Schnupperkurs unter der Obhut der Madame de Warens reicht vollkommen aus um selbst Musiklehrer und später Komponist zu werden. Mehr noch: Rousseau erfindet das Notensystem neu und legt seine abstruse Dissertation, die nicht einmal eine Fußnote in der Musikgeschichte wert ist, auch noch zur Bewertung der Academie Francaise vor. Die schlaue Herren, tragende Säulen der französischen Aufklärung, arrogante Akademiker aus guten Adelshäusern, lachen ihn aus. Aber  sie freuen sich zu früh. Mit dem Singspiel „les fetes de ramiro“ landet er einen kleinen Erfolg in den damaligen „Charts“. Es ist zwar nur eine „Coverversion“ von Rameau, aber das Genfer Enfant terrible der Pariser Musik und Gelehrtenwelt ist plötzlich in aller Munde.

Schon bald verkehrt das „Schweizer Naturkind“, wie er sich selbst gern beschreibt,  in der Aufklärer und Literatenszene, allen voran mit Diderot, Holbach und Grimm und weiß deren Seilschaften geschickt zu nutzen. Bereits seit langem bewegt sich der heimatlose Bürgersohn  in Adelshäusern wie ein Fisch im Wasser. Als er 1752  mit seinem Singspiel „le devin du village“ einen zweiten Hit nachlegt steht die Rokoko-Pop-Welt kopf. Rousseau hat die Gunst des Hochadels erreicht. Allen voran die ungeteilte Aufmerksamkeit  von Ludwig XV und seiner einflussreichen Mätresse Madame de Pompadour, „Königin“ der Intellektuellenherzen und heimliche Herrscherin.. Später gesellt sich noch der Herzog von Luxembourg dazu. Die Seilschaften und Netzwerke  funktionieren perfekt.

Wer das prächtige Palais in Paris, einschließlich des wunderschönen Parks, das auch heute noch einen ganzen Stadtteil prägt, besucht hat, weiß: Hier residierte kein Popanz, sondern einer der mächtigsten Männer Frankreichs. Dort ging der Kritiker des Französischen Adels und „Vater der  Französischen Revolution“ ein und aus und schlürfte auf der Terrasse zusammen mit seiner Therese warmen Kakao aus fürstlichen Porzellantassen.

Betrachtet man Rousseaus Kariere genauer, so stellt man erschreckende Parallelen zur Gegenwart  fest. Soziologen sprechen bereits von „Postdemokratie“. Auch heute werden wieder massenhaft Halbgebildete von den Fürsten und „Modezaren“ der Marketing- und Mediengesellschaft  nach oben geschleudert, lösen Hypes aus, entfalten ein Feuerwerk, um dann „ausgebrannt“ und einsam zu verlöschen. Rousseau ist ihr unmittelbarer Vorgänger. Als Shootingstar gefeiert, begierig nach Publikum, Bühne und frühen Ruhm, verkriecht er sich nach seinen Erfolgen wieder in einsame Landhäuser, streift allein durch die Wälder. Nach diesem Muster leben auch  so mache Hollywood-Stars. Wird es jedoch zu ruhig um sie, dann starten sie sofort ein „Comeback“, als wären sie niemals weg gewesen. So wie Mario Müller Westerhagen es in seinem Song „ich bin wieder hier in meinem Revier“ besingt.

Rousseaus „Revier“ ist Paris, das er zwar nur über den Außenwall betritt, um bei seinem Gönner Herzog Luxembourg vorbeizuschauen, dessen Urbanität ihn anekelt, ohne das er aber auch nicht leben kann.

Erst wenn die Million Menschen, die dicht zusammengedrängt in engen stinkenden Gassen links und recht der Seine in dreistöckigen Mietskasernen hausen, aufhören sich das Maul über ihn zu zerreißen, ist er wirklich gestorben. Damit es nicht soweit kommt, sorgt Rousseau für Gesprächsstoff.. Um dann, wenn der Knall vorbei ist, zu behaupten: „Ich bin doch nur ein kleiner Notenkopist“ Solcherlei Bescheidenheit machen ihn am Ende noch größer. Als Superstar der Pompadour-Ära kann er sie sich leisten. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Rousseau  sich zu keiner Zeit über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen kann. Die Aufmerksamkeit, die ihm sein Vater als Kind entgegengebracht hat, findet in vieler Hinsicht ihre Fortsetzung, ebenso die Fürsorglichkeit mit dem ihn die Schwester seines Vaters – die erste „Ersatzmama“  überschüttet hat.

Selbst Rousseaus Ortswechsel von Paris in das Gartenhaus Montmorency, außerhalb der Stadt ist aufsehen erregend. Es werden Wetten abgeschlossen, wie lange er es dort aushält. Er bleibt standhaft. Paris kommt zu ihm. Nicht nur seine Werke, auch die Lebensumstände machen ihn berühmt. Sogar Friedrich der Große im fernen Preußen ist bestens informiert und fragt sich verwundert, warum Rousseau nicht Klosterbruder und Säulenheiliger geworden ist.