Teueres Geschenk für einen „Liebesdienst“

Teueres Geschenk für einen „Liebesdienst“

Anhaltspunkte wie es zwischen Therese und Boswell zu einer Liebesbeziehung gekommen sein könnte, findet man möglicherweise in den Bekenntnissen von Rousseau. Wie viele Besucher des verbannten Philosophen, so war auch Boswell in Motiers vermutlich auf der Suche nach Sexkontakten. In dem Kleinstädtchen von nur wenigen Hundert Seelen – und dies in der calvinistischen, sittenstrengen Schweiz – eine pikante Sache. Dem Vernehmen nach dient der Gasthof in dem auch Boswell untergebracht war, als heimliches „Bordell“.

Eine der Wirtstöchter, die Rousseau in seinen Lebenserinnerungen als „hässliche Schlumpe“ bezeichnet, war erst vor kurzem von einem Besucher des Meisters, einem gewissen Baron von Sauttersheim geschwängert worden.  Ein Skandal, der in gewisser Weise auch Rousseaus bereits angeschlagenen Ruf schädigte. Der in solchen Dingen völlig blinde Philosoph wußte sich nicht anders zu helfen, als den Hurenbock zu verteidigen und die „freche Dirne verhaften zu lassen“, eine Aktion die ihn wahrscheinlich völlig zum Gespött der Landbevölkerung gemacht hat. Der Skandal bekommt noch dadurch eine besondere Qualität, da es sich bei „von Sautersheim“ höchstwahrscheinlich um einen Hochstapler oder sogar um einen französischen Spion gehandelt hat, der die Lebensumstände des prominenten Flüchtlings auskundschaften sollte.

In Boswells Journal taucht besagte freche Dirne lediglich als „dicke behäbige Jungfer“ auf und verspricht „gut für den Gast aus Schottland zu sorgen“.

Da der umtriebige Draufgänger mit Dirnen-Kontakten stets prahlt, und diesbezüglich in seinen Aufzeichnungen kein Detail ausläßt, hat er  höchstwahrscheinlich im Gasthof nur genächtigt, seine Mahlzeiten eingenommen, und sich zur Befriedung geschlechtlicher Bedürfnisse anderswo umgesehen. Die „Dorfmatratze“ taucht im Journal nie wieder auf, wohl aber die gute Therese. Viele Stellen deuten darauf hin, daß sich die beiden ausgiebig unterhielten und sich dabei schnell näher kamen. Offenbar hat Therese, die auch um den Ruf Rousseaus bedacht war, den jungen Schotten nicht nur vor Kontakten mit Dorfmädchen gewarnt, sondern sich auch im Gegenzug bereit erklärt, ihm eine Erleichterung zu verschaffen. Die sexuell gleichfalls ausgehungerte Haushälterin wird dabei auch ihrerseits auf ihre Kosten gekommen sein.

In seinen späteren Tagebucheintragungen vom Januar 1766, bezeichnet Boswell ihre Affäre als „leidenschaftlich“. Es spricht vieles dafür daß sie bereits in Motiers begonnen hat und bereits damals schon eine „Amour fou“ gewesen war, die weder die Französin noch der Schotte so schnell vergessen konnten.

Geld von dem jungen Mann anzunehmen hätte die „gute Seele“ als Hure erscheinen lassen. Umgekehrt wollte der Gentlemen sich für das Erreichen seines ersehnten Zieles erkenntlich zeigen. So einigte man sich auf eine Granatkette.

Therese hat das Andenken an ihren jungen Liebhaber nie wieder ausgezogen. Auf dem einzigen Porträtbild, das 1791 angefertigt wurde trägt sie das Kleinod  immer noch. Da hatte Boswell – inzwischen längst Witwer – nur noch vier Jahre zu leben; der Philosoph war, kurz vor seiner Erhebung in den Pantheon, seit 13 Jahren tot.

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