Viele frivole Fragen

Therese als „Vorspeise“ und viele frivole Fragen

Möglicherweise ist die Küche – in der sich, wie erwähnt, auch Thereses Schlafplatz befindet – Schauplatz eines letzten im wahrsten Sinne des Wortes „hitzigen“ Gefechtes geworden. Da heißt es im Journal vom 15. 12.:

„Ich hatte zum Spaß so getan, als wolle ich Mademoiselle Le Vasseur beim Vorbereiten der Suppe helfen“.

Wer Phantasie besitzt, kann sich denken, daß Boswell dabei „nichts anbrennen“ läßt.

Noch zweideutiger wird dieser Satz, wenn man den vorhergehenden Absatz  hinzuzieht. Er handelt von einem Wahrheitssucher der statt einer Kuh einen „Stier melkt“.

Auch die übrigen Gespräche die Boswell mit Rousseau führt sind voller Anspielungen auf einen möglichen Seitensprung, ebenso wie die Notizen, die sich der Schotte vor seinen Besuchen gemacht hat. So schreibt er unter anderem in einem Memorandum der Themen, die er am 14. 12 mit Rousseau besprechen will. „Würde niemanden betrügen, alles offenlegen“ Was will er offenlegen? Den Betrug mit Therese? „Depressionen, um Sünden abzubüßen“. Hat er gegenüber Rousseau ein schlechtes Gewissen? Auch der Schluß seines Memorandums mutet merkwürdig an:

„Und du großer Philosoph, wirst Du mein Freund sein. Bin ich deiner nicht wert? Sag es mir. Du hast keine Bindungen, kein Menagement.“ (Damit ist wohl die Beziehung zu Therese gemeint.)

Scheinbar hat er mit Therese auch über die Beziehungen der beiden geredet und wahr mit allen Details vertraut. Deutlicher: Eine Frau, die sich ihm so leidenschaftlich hingab, konnte zu ihrem Lebensgefährten keine tiefe Bindung mehr haben, jedenfalls keine die über ein „Angestelltenverhältnis“ hinausging.

Interessant ist, daß die pikanten Themen erst am 14. Und 15. Dezember den Verlauf der Gespräche bestimmen. Zwischen den Gesprächen vom dritten und vierten Dezember und denen vom 14. bzw. 15. Dezember liegen Welten. Dazwischen muß es passiert sein. Boswell bringt das Gespräch auf „Vielweiberei“ und wünscht sich mit dreißig Frauen zu schlafen. Später setzt er noch einen drauf und fragt den Meister frech: „Wenn ich nach Frankreich und Italien komme, darf ich mich dann an das lockere Leben dieser Länder anpassen, wo die Männer offenbar nichts dagegen haben, daß man mit ihren Frauen schläft?“

Nach dem Motto: „Wann merk er es endlich!“ Noch deutlicher wird er, indem er ausdrücklich darauf hinweist, daß Therese während dieses heiklen Themas den Raum verlassen hat. Schamgefühle? Wohl kaum, Sie hat sicherlich als Zimmermädchen eines zweifelhaften Hotels ganz andere Dinge anhören müssen, und mit Sicherheit auch am eigenen Leib erlebt. Schlechtes Gewissen. Die Angst, man könne ihr etwas anmerken, sind wohl eher der Grund gewesen, daß sie in ihre Küche flüchtete.

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