Wer war Therese Levasseur?

Wer war Therese Levasseur?

Dank Boswell, wissen wir mehr über Rouseaus langjährige Lebensgefährtin, als der Philosoph bereit ist von ihr preiszugeben. Einiges deutet darauf hin, daß das Bild, welches der Philosoph von Therese entwirft, von Wahrnehmungsstörungen sowie Wunschvorstellungen geprägt ist, möglicherweise sogar von versteckter, subtiler Rache. Vieles wird verschwiegen oder in einem, für Rousseau günstigen, Licht dargestellt. Bereits ihr Äußeres bleibt weitgehend im Dunklen. In diesem Punkt hält sich, der sonst so Detail Besessene, auffallend zurück. Im Gegensatz zu „Mama“ die „runde Hüften“ und einen ziemlich großen „wohlgeformten Busen“ besitzt,  ist Therese ein „gefühlvolles schlichtes und jeder Gefallsucht bares Mädchen“. Über ihre Körperlichen Vorzüge erfahren wir nichts. Doch muß sie welche gehabt haben, denn sie wurde „geneckt“, besonders von den Weltgeistlichen, den größten Hurenböcken von ganz Paris. Ihr Busen wird dem von „Mama“ entsprochen haben, denn die aufgebrachte von Epinay suchte zwischen ihnen nach einem Bündel Briefe. Ihre Wirkung auf Männer ist beeindruckend. Diderot und Grimm versuchten ihr ein Lotteriegeschäft zu vermachen, der bereits erwähnte  Gauffecourt will für einen kleinen Liebesdienst tief in seine Geldbörse greifen. In diesem Zusammenhang schreibt Rousseau, wie ein alter Mann dazu kommt ein „Frauenzimmer zu verführen, das nicht mehr schön noch jung war.“

Therese ist zum Zeitpunkt der denkwürdigen Kutschfahrt nach Genf im Jahre 1754 gerade mal 33 Jahre alt. Bemerkenswert ist, daß etwa zeitgleich mit der frivolen Reise, Rousseaus Rückkehr zum prüden Calvinismus erfolgte, sowie der „folgenschwere“ Entschluss  jeglichen Geschlechtsverkehr einzustellen.

Als Therese den jungen Schotten trifft ist sie, wie schon erwähnt, 43 Jahre und nach Boswells Beschreibung ein „ kleines munteres, adrettes französisches Frauenzimmer.“ Sie hätte also nach der Aussage des Philosophen, zehn Jahre nach der skandalösen Kutschfahrt mit Gauffecourt, eine alte hässliche Vogelscheuche sein müssen. Ihr Altersbild beweist, dass sie mit 70 Jahren noch einen properen Eindruck machte. Mit 56 Jahren heiratet sie – nur ein Jahr nach dem Tode Rousseaus –  ihren damaligen Liebhaber, den erst 34 jährigen John Bally, einen Engländer! Nicht zwanzig, sondern 25 Jahre jünger als sie. Ein klarer Beweis, dass diese lebensfrohe Frau zu keinem Zeitpunkt hässlich, oder immer so „züchtig“ war, wie uns Rousseau in seinen Bekenntnissen weiß machen will. Sie wird stets zehn Jahre jünger ausgesehen haben, wie die mageren Bohnenstangen in ihren Rokokoreifröckchen.

Sie ist eine französische Landschönheit, ein brünetter Frauentyp wie Germaine de Stael von der Bejamin Constant schwärmte:

 „…Eher klein als groß und zu stark um zierlich zu sein, unregelmäßige und zu ausgeprägte Züge, die schönsten Augen der Welt, einen prachtvollen Busen, die Bewegungen zu rasch, eine sehr sanfte Stimme. Dies alles bildete ein ganzes, das im ersten Augenblick ungünstig berührte, das aber wenn Madame M. sprach und sich belebte von einer unwiderstehlichen Verführungskraft war.“

Kurzum: Kein magersüchtiges, glattes, ausdrucksloses Modepüppchen, wie sie heute wieder von der postdemokratischen Modezarin Heidi Klump zum dekadenten Idealbild der morbiden Konsum und Marketing-Gesellschaft gekürt wird, sondern eine rassige, sehr weibliche Frau. Das gleiche wird auch für Therese Levasseur gegolten haben, wenngleich sie nicht die geistigen Fähigkeiten der großen französischen Schriftstellerin besitzt.